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Vorausschauende Gutachten für ein besseres Verständnis von Nachhaltigkeitsperspektiven

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Article Veröffentlicht 28.07.2020 Zuletzt geändert 14.08.2020
9 min read
Photo: © drmakete lab on Unsplash
Die Europäische Umweltagentur (EUA) hat kürzlich einen Bericht über die „Triebkräfte des Wandels“ veröffentlicht, die die Perspektiven für Umwelt und Nachhaltigkeit in Europa beeinflussen. Wir haben den Projektleiter des Berichts, Lorenzo Benini, befragt, der bei der EUA als Experte für Systembewertung und Nachhaltigkeit tätig ist.

Was ist Ihre Aufgabe bei der EUA und welche Tätigkeiten umfasst sie? 

Ich arbeite im Programm „Integrierte Nachhaltigkeitsbewertungen“ der EUA. In diesem Programm werden integrierte Umweltgutachten, wie der Bericht „Die Umwelt in Europa: Zustand und Ausblick 2020“ (SOER), erstellt. Der Schwerpunkt meiner eigenen Arbeit liegt auf der Entwicklung systemischer Bewertungen, bei denen die Herausforderungen und Chancen für Europa im Bereich der Nachhaltigkeit analysiert werden. Dabei befasse ich mich mit den Zusammenhängen zwischen sozioökologischen und soziotechnischen Systemen in verschiedenen Dimensionen und verfolge eine vorausschauende Perspektive. Zugleich muss man jedoch auch anerkennen, dass unser Wissen Unsicherheiten aufweist.

Was sind vorausschauende Gutachten? 

In den vorausschauenden Gutachten der EUA werden mögliche künftige Entwicklungen, z. B. in Bezug auf Umwelt- und Nachhaltigkeitsperspektiven, untersucht. Diese Gutachten stützen sich auf eine Kombination aus fundiertem Wissen über bisherigeTrends und dynamische Entwicklungen, unserem Verständnis der Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Phänomenen sowie der Erforschung alternativer Zukunftsszenarien. Die Zukunft ist immer unsicher; dies gilt umso mehr in der heutigen Welt, die durch zunehmende Unbeständigkeit, Komplexität und Ungewissheit geprägt ist. 

Die Welt ist immer stärker vernetzt, und Entwicklungen in einem Teil der Welt können sich auch auf Europa auswirken. Das sehen wir nun in der Corona-Krise leider sehr deutlich

Nichtsdestotrotz kann man sich alternative Zukunftsszenarien überlegen,  und sie diskutieren und weiterverfolgen. Dies bedeutet, eine große Bandbreite quantitativer und qualitativer Zukunftsstudien zu nutzen und mit zahlreichen Interessensgruppen zusammenzuarbeiten, um Wissen zu entwickeln, das politische Maßnahmen zur Förderung der Nachhaltigkeit unterstützen kann. In unserem Fall tun wir das mit unserem Netzwerk von Mitgliedsländern (Eionet), politischen Entscheidungsträgern, Experten aus verschiedenen Fachrichtungen und mit unterschiedlichen Hintergründen und zunehmend auch mit der Zivilgesellschaft. 

Welche Botschaften enthält der jüngste EUA-Bericht? 

In dem Bericht Drivers of change of relevance for Europe’s environment and sustainability (Wichtige Triebkräfte des Wandels für Umwelt und Nachhaltigkeit in Europa) wird eine Vielzahl von „Triebkräften“ untersucht, die sich auf die Zukunft Europas auswirken könnten, insbesondere solche, die die europäischen Umwelt- und Nachhaltigkeitsziele betreffen. Insgesamt soll der Bericht ein umfassendes Bild der Veränderungen in der Welt und in Europa, ihrer Zusammenhänge und möglichen Auswirkungen vermitteln. 

Die Umwelt- und Nachhaltigkeitsperspektiven Europas werden von zahlreichen Faktoren beeinflusst, die sowohl neue Risiken als auch neue Chancen hervorbringen. Die Welt ist immer stärker vernetzt, und Entwicklungen in einem Teil der Welt können sich auch auf Europa auswirken. Das sehen wir nun in der Corona-Krise leider sehr deutlich. Während sich die Rolle Europas auf der Weltbühne verändert, hat die EU die Gelegenheit, sich angesichts der anstehenden Herausforderungen für Umwelt, Nachhaltigkeit und strategische Konzepte neu zu positionieren und die sich bietenden Chancen für eine nachhaltigere Zukunft zu nutzen. 

Was sind Triebkräfte des Wandels? 

„Triebkräfte des Wandels“ unterscheiden sich in geografischer und zeitlicher Hinsicht sowie in ihrem Ursprung, ihrer Stärke und ihren potenziellen Auswirkungen. So sind beispielsweise globale Megatrends wie das weltweite Bevölkerungswachstum oder der Klimawandel weltweit stattfindende, langfristige Trends, die sich langsam entwickeln, aber erhebliche Auswirkungen haben. Einige Trends haben sich fest etabliert und sind insbesondere für Europa charakteristisch, z. B. die Alterung der Bevölkerung oder die Migration von Ost nach West. Andere Trends hingegen zeichnen sich ab, sind aber noch nicht wirklich eingetreten, wie die technologische Konvergenz und die „Vierte industrielle Revolution“. Dann gibt es die sogenannten „Wild Cards“, das sind unwahrscheinliche künftige Entwicklungen, die jedoch ein zerstörerisches Potenzial haben könnten. Dabei kann es sich um bedeutende technologische Durchbrüche, dramatische Verluste von bestäubenden Insekten oder den Ausbruch von Infektionskrankheiten handeln. 

Wie entwickeln sich Ihrer Ansicht nach einige dieser Trends? 

Man kann sagen, dass die globalen Umweltprobleme in den letzten 50 Jahren zugenommen haben und dass sich die Geografie der Umweltverschmutzung aufgrund von Wirtschaftswachstum, geopolitischer Machtverlagerung und steigendem Konsumniveau weltweit verändert hat. Gleichzeitig wird die Welt durch den Fluss von Ressourcen, Menschen und Informationen stärker vernetzt als je zuvor, was ein globales Umweltmanagement erschwert. 

Europa ist mehr und mehr auf wichtige Ressourcen angewiesen und verlagert gleichzeitig einen erheblichen Teil seiner Umweltbelastungen nach außen. Neue Technologien bringen sowohl Chancen als auch Risiken für Gesundheit, Umwelt und Wohlbefinden mit sich. Weltweit ist eine Veränderung der Werte, Lebensstile und Governance-Konzepte zu beobachten. Während der Konsumismus insbesondere in den Schwellenländern zunimmt, greifen Teile der Bevölkerung auch neue Ideen auf, und die Bürgerinnen und Bürger fordern zunehmend Maßnahmen zur Bewältigung der Umwelt- und Nachhaltigkeitsprobleme, sowohl in Europa und in anderen Regionen der Welt. 

Wie werden vorausschauende Analysen bei der Entscheidungsfindung auf EU- und nationaler Ebene genutzt? 

Im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit werden vorausschauende Analyseverfahren häufig genutzt, um potenzielle Risiken zu antizipieren und Möglichkeiten für die Weiterentwicklung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsstrategien zu ermitteln. So hat die Europäische Kommission beispielsweise ein System zur vorausschauenden Analyse (FORENV) eingerichtet. Damit sollen neu auftretende Umweltprobleme identifiziert werden, um das Bewusstsein für ihre potenziellen Auswirkungen zu schärfen und politische Entscheidungsträger und Interessenträger dabei zu unterstützen, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen. Ähnliche Initiativen gibt es auch in den EUA-Mitgliedsländern. Mit der Einrichtung eines Kommissarpostens für interinstitutionelle Beziehungen und Vorausschau, den Vizepräsident Maroš Šefčovič bekleidet, und der Schaffung des EU-Netzwerks für strategische Vorausschau hat die strategische Vorausschau in jüngster Zeit auch in der Politikgestaltung auf EU-Ebene an Bedeutung gewonnen. 

Im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit werden vorausschauende Analyseverfahren häufig genutzt, um potenzielle Risiken zu antizipieren und Möglichkeiten für die Weiterentwicklung der Umwelt- und Nachhaltigkeitsstrategien zu ermitteln

Welche Aktivitäten plant die EUA in der nächsten Zeit in diesem Bereich? 

Gemeinsam mit Experten für strategische Vorausschau aus unseren Mitgliedsländern und nationalen Referenzzentren für zukunftsorientierte Informationen und Dienstleistungen (NRC-FLIS) leistet die EUA einen aktiven Beitrag zum FORENV-Prozess. Die EUA arbeitet zudem an einer Reihe von Projekten im Bereich der Vorausschau, die häufig in Partnerschaft mit Mitgliedsländern und anderen EUEinrichtungen durchgeführt werden. Wir planen, die Auswirkungen von Triebkräften des Wandels auf die europäische Nachhaltigkeitsagenda zu untersuchen, ein Verfahren zur strategischen Früherkennung neuer Trends (Horizon Scanning) einzurichten und diese Wissensgrundlage für die nächste SOER-Ausgabe weiterzuentwickeln. 

Lorenzo Benini 

Experte für Systembewertung und Nachhaltigkeit 
Europäische Umweltagentur 

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