Sauberere Luft ist gut für die menschliche Gesundheit und den Klimawandel

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Article Veröffentlicht 26.01.2018 Zuletzt geändert 31.01.2018
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Rechtsvorschriften, Technologien und dem Abrücken von stark umweltbelastenden fossilen Brennstoffen in vielen Ländern ist es zu verdanken, dass sich die Luftqualität in Europa in den letzten Jahrzehnten verbessert hat. Viele Menschen bekommen jedoch nach wie vor die negativen Auswirkungen der Luftverschmutzung zu spüren, insbesondere in Großstädten. Angesichts ihrer Komplexität erfordert die Bekämpfung der Luftverschmutzung koordinierte Maßnahmen auf vielen Ebenen. Um Bürgerinnen und Bürger daran zu beteiligen, ist es entscheidend, ihnen Informationen zeitnah und einfach zugänglich zu machen. Unser vor Kurzem eingeführter Luftqualitätsindex ist eine solche Informationsquelle. Die Verbesserung der Luftqualität wäre nicht nur von Vorteil für unsere Gesundheit, sondern könnte auch zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen.

 Image © Maria Cristina Campi, NATURE@work/EEA

Die Luftqualität in Europa hat sich wesentlich verbessert, seitdem die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten in den 1970er-Jahren Strategien und Maßnahmen zur Luftqualität eingeführt haben. Die Luftschadstoffemissionen vieler hauptverursachender Quellen (darunter Verkehr, Industrie und Stromerzeugung) werden inzwischen reguliert und sind im Allgemeinen rückläufig, jedoch nicht immer im vorgesehenen Umfang. Die hohen Schadstoffkonzentrationen in der Luft haben immer noch erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen in Europa, wobei die größte Belastung von Feinstaub und Stickstoffdioxid ausgeht.

Aus dem neuesten Jahresbericht zur Luftqualität der Europäischen Umweltagentur (EUA) geht hervor, dass die meisten in den Großstädten Europas lebenden Menschen nach wie vor einer Luftverschmutzung ausgesetzt sind, die von der Weltgesundheitsorganisation als schädlich eingestuft wird. Dem Bericht zufolge waren Feinstaubkonzentrationen 2014 für schätzungsweise 428 000 vorzeitige Todesfälle in 41 europäischen Ländern verantwortlich; rund 399 000 Fälle davon entfielen auf die EU-28.

Die schlechte Luftqualität wirkt sich auch erheblich auf die Wirtschaft aus, indem sie die Kosten für die medizinische Versorgung in die Höhe treibt, die Produktivität der Arbeitnehmer mindert und Boden, Pflanzen, Wäldern, Seen und Flüssen schadet. Obwohl Luftverschmutzung häufig mit Verschmutzungshöchstwerten und ‑episoden in Verbindung gebracht wird, stellt eine Langzeit-Exposition gegenüber geringen Dosen eine noch stärkere Gefahr für die menschliche Gesundheit und die Natur dar.

Die Reduzierung der Luftverschmutzung trägt zur Bekämpfung des Klimawandels bei

 

Kohlendioxid mag der Hauptverursacher der Erderwärmung und des Klimawandels sein, doch es ist nicht der einzige. Viele andere gas- oder partikelförmige Verbindungen, auch bekannt als „klimawirksame Stoffe“, haben einen Einfluss auf die Menge an Sonnenenergie (einschließlich Wärme), die von der Erde absorbiert wird.

Methan beispielsweise ist ein sehr klimawirksamer Stoff und Luftschadstoff, der mit landwirtschaftlichen Tätigkeiten und eng mit Viehzucht und Fleischkonsum in Zusammenhang steht. Feinstaub ist ein weiterer Schadstoff, der sowohl den Klimawandel als auch die Luftqualität beeinflusst. Je nach seiner Zusammensetzung kann er eine kühlende oder wärmende Wirkung auf das lokale und globale Klima haben. Ruß beispielsweise, einer der Bestandteile von Feinstaub und das Ergebnis der unvollständigen Verbrennung von Kraftstoffen, absorbiert Solar- und Infrarotstrahlen in der Atmosphäre und hat damit eine wärmende Wirkung.  

Maßnahmen zur Senkung der Emissionen von kurzlebigen klimawirksamen Stoffen wie Ruß, Methan, Ozon oder Ozonvorläufer sind sowohl gut für die menschliche Gesundheit als auch für das Klima. Treibhausgase und Luftschadstoffe haben dieselben Emissionsquellen. Aus diesem Grund gibt es potenzielle Synergieeffekte, die durch die Begrenzung der Emissionen der einen oder anderen Quelle erzielt werden können, darunter Kosteneinsparungen.

In der Vergangenheit wurden allerdings auch bestimmte Maßnahmen u. a. für den Klimaschutz gefördert, die jedoch unbeabsichtigte negative Auswirkungen auf die Luftqualität hatten. Viele Länder förderten beispielsweise mit Diesel betriebene Fahrzeuge, die sich jedoch als Emittenten großer Mengen von Luftschadstoffen herausgestellt haben. Gleichermaßen hat die Förderung der Verbrennung von Holz als erneuerbarer Energieträger in einigen Gebieten Europas leider zu hohen Feinstaubwerten in der Luft dort geführt. Wir müssen von solchen Beispielen lernen und sicherstellen, dass die Folgen der Maßnahmen, für deren Umsetzung wir uns entscheiden, gründlich durchdacht werden.

Die Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und der Luftqualität beschränken sich nicht auf gängige Schadstoffe, die von denselben Quellen in die Atmosphäre freigesetzt werden. Auch durch den Klimawandel können die Luftverschmutzungsprobleme verstärkt werden. Man geht davon aus, dass der Klimawandel in vielen Regionen der Welt das lokale Wetter beeinflussen wird, darunter die Häufigkeit von Hitzewellen und Luftstagnationsepisoden. Mehr Sonnenlicht und wärmere Temperaturen werden möglicherweise nicht nur die Zeiträume verlängern, in denen die Ozonwerte erhöht sind, sondern auch die Ozonspitzenkonzentrationen weiter verschärfen. Dies sind mit Sicherheit keine guten Neuigkeiten für die Teile Europas, die häufig Episoden von übermäßig hohen Ozonkonzentrationen in Bodennähe ausgesetzt sind.

Kohärentes Vorgehen – lokal bis global

Die Luftverschmutzung ist nicht überall gleich stark ausgeprägt. Die verschiedenen Schadstoffe werden von einer Vielzahl von Quellen in die Atmosphäre freigesetzt. Straßenverkehr, Landwirtschaft, Kraftwerke, Industrie und Haushalte sind in Europa die größten Emittenten von Luftschadstoffen. Sobald sich diese Schadstoffe in der Atmosphäre befinden, können sie sich in neue Schadstoffe umwandeln und ausbreiten. Die Ausarbeitung und Umsetzung von Strategien zur Bewältigung dieses komplexen Sachverhalts ist keine leichte Aufgabe.

Angesichts der Diversität der Quellen, sowohl hinsichtlich der geografischen Verteilung als auch der wirtschaftlichen Tätigkeit, müssen Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen ergriffen werden, von lokal bis international, . In internationalen Übereinkommen können Zielvorgaben für die Reduzierung der in die Atmosphäre freigesetzten Schadstoffmengen festgelegt werden, doch ohne lokale Maßnahmen – wie etwa Informationskampagnen, die Beseitigung von hochgradig umweltschädlichen Fahrzeugen aus Großstädten oder die Ausweisung von Stadtzonen – könnten wir nicht alle Früchte unserer Anstrengungen ernten. Diese Diversität bedeutet auch, dass es keine Universallösung gegen die Luftverschmutzung gibt. Um die Exposition und Folgeschäden weiter zu verringern, müssen Behörden ihre Maßnahmen so anpassen, dass sie lokale Faktoren wie Emissionsquellen, Demographie, Verkehrsinfrastruktur und örtliche Wirtschaft berücksichtigen.

Zur Förderung der Kohäsion zwischen den Maßnahmen, die auf lokaler, nationaler, europäischer und globaler Ebene getroffen werden, hat die Europäische Kommission im November verschiedene Interessenvertreter aus ganz Europa auf dem Forum für saubere Luft zusammengebracht. Der Fokus des Forums, das in Paris stattfand, lag nicht nur auf der Verbesserung der Luftqualität in Großstädten, sondern auch auf der Luftverschmutzung aufgrund von landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Auf dem Forum wurden außerdem Innovations- und Geschäftsmöglichkeiten im Zusammenhang mit Maßnahmen für eine saubere Luft herausgestellt.

Informationen – ein entscheidender Faktor zur Minimierung der Exposition

Die Europäische Umweltagentur arbeitet mit ihren Mitgliedsländern zusammen, um im Verlauf der Zeit vergleichbare Informationen zur Luftqualität zu sammeln. Auf der Grundlage der gesammelten Daten werden Fortschritte gemessen, Trends analysiert und nach Zusammenhängen zwischen Quellen wie dem Straßenverkehr und den tatsächlichen Messungen der Luftqualität gesucht.

Bei Bedarf können die Messungen der Überwachungsstationen durch Satellitenbeobachtungen ergänzt werden. Die EU setzt im Rahmen ihres Erdbeobachtungsprogramms „Copernicus“ seit Oktober einen neuen Satelliten zur Überwachung der Luftverschmutzung ein, der bereits die ersten Bilder übermittelt hat. Diese Informationen werden regelmäßig an die Öffentlichkeit und an die politischen Entscheidungsträger weitergegeben. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass sich die Agentur nur mit der Außenluftqualität befasst und nicht mit der Qualität der Luft, die wir zu Hause oder am Arbeitsplatz einatmen und die ebenfalls direkte Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat. 

Im Rahmen unserer Bemühungen, die aktuellsten Informationen zur Verfügung zu stellen, haben wir zusammen mit der Europäischen Kommission einen neuen Online-Dienst entwickelt: den Europäischen Luftqualitätsindex. Der auf dem Forum für saubere Luft vorgestellte Index bietet Informationen zur aktuellen Luftqualität. Grundlage hierfür sind Luftqualitätsmessungen von mehr als 2 000 Überwachungsstationen in ganz Europa. Der Index ermöglicht es den Bürgerinnen und Bürgern, anhand einer interaktiven Landkarte die Luftqualität auf Stationsebene zu prüfen. Diese wird basierend auf den fünf Hauptschadstoffen für die menschliche Gesundheit und die Umwelt ermittelt, nämlich: Feinstaub (PM2,5 und PM10), bodennahes Ozon, Stickstoffdioxid und Schwefeldioxid. Mit diesem Tool können wir die Informationen mit allen Bürgerinnen und Bürgern Europas teilen, die sich für die Bekämpfung der Luftverschmutzung interessieren. Wir alle können die Luftqualität des Standorts prüfen, an dem wir uns befinden, und Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um unsere Exposition gegenüber der Verschmutzung zu verringern.

Informationen sind natürlich ein entscheidender Faktor, um gegen die Luftverschmutzung vorzugehen und ihre schädlichen Auswirkungen zu reduzieren. Zur Verbesserung der Luftqualität und zur Verwirklichung der langfristigen Niedrigemissionsstrategien der EU müssen wir jedoch die Emissionen aus allen Wirtschaftssektoren und Wirtschaftssystemen (z. B. Mobilität, Energie oder Ernährung) bekämpfen sowie die Produktions- und Verbrauchsprozesse verstehen, durch die diese Emissionen entstehen. Nur so können Fortschritte erzielt werden. Die EUA steht als Wissenspartner bereit, um zur Verwirklichung dieser langfristigen Ziele beizutragen. 

 

Hans Bruyninckx

Exekutivdirektor der EUA

Leitartikel aus der Ausgabe Nr. 2017/4 des EUA-Newsletters vom 15. Dezember 2017

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