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Leben in einer Zeit der Mehrfachkrisen: Gesundheit, Natur, Klima, Wirtschaft oder schlicht systembedingte fehlende Nachhaltigkeit?

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Article Veröffentlicht 20.07.2021 Zuletzt geändert 22.07.2021
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Photo: © Nunzio Santisi, Picture2050/EEA
Zentrales Thema der Diskussionen sind gegenwärtig die weltweiten Krisen: Gesundheitskrise, Wirtschafts- und Finanzkrise, Klimakrise und Naturkrise beherrschen die Gespräche von den Korridoren der politischen Institutionen bis hin zu wissenschaftlichen Foren. Letztlich sind alle diese Krisen Symptome desselben Problems, nämlich der Tatsache, dass unsere Art und Weise des Produzierens und Konsumierens nicht zukunftsfähig sind. Der COVID-19-Schock hat die systembedingte Schwäche unserer globalen Wirtschaft und Gesellschaft mit all ihren Ungleichheiten offenbart.

Wenn wir echte Nachhaltigkeit erreichen wollen, müssen wir auch die sozialen Ungleichheiten angehen. Dies wirft die Frage nach verantwortlichem Regierungshandeln auf: Wie stellen wir sicher, dass Ressourcen und eine saubere Umwelt für alle zugänglich sind?

Hans Bruyninckx, Exekutivdirektor der EUA

Seit 1950 hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdreifacht und liegt nun bei nahezu 8 Mrd. Menschen, während die Wirtschaftsleistung in diesem Zeitraum um das Zwölffache gestiegen ist. Dieser enorme Zuwachs geht auf Kosten eines deutlichen Anstiegs unseres Verbrauchs an natürlichen Ressourcen wie Land, Wasser, Holz und anderen Materialien wie Mineralien und Energieressourcen. Diese starke Beschleunigung bewirkte einerseits, dass Hunderte Millionen Menschen aus der Armut geführt werden konnten, brachte jedoch andererseits auch Nachteile für die Ökosysteme und war Ursache des Klimawandels. Weltweit haben sich rund 75 % der terrestrischen Umwelt und 40 % der Meeresumwelt drastisch verändert. Aufgrund der anhaltenden Verbrennung fossiler Brennstoffe, der Veränderungen der Flächennutzung und der Abholzung von Wäldern werden Treibhausgase in die Atmosphäre freigesetzt, die den Klimawandel verursachen.

Durch die Globalisierung, insbesondere die zunehmende Digitalisierung, sind heute nahezu alle Teile des Planeten über feste Handelsrouten miteinander verbunden, wodurch die Versorgung der Verbraucher in einem globalen Markt mit Rohstoffen, Teilen oder Fertigerzeugnissen sichergestellt ist. Den Prognosen zufolge soll sich die Nachfrage nach materiellen Ressourcen bis 2060 verdoppeln, doch bereits heute verbrauchen wir das Dreifache dessen, was die Erde bereitstellen kann. Zudem sind wir gegenwärtig nicht in der Lage zu verhindern, dass große Mengen an Abfall letztlich in die Umwelt gelangen; auch soll das jährliche Abfallaufkommen bis zum Jahr 2050 um 70 % zunehmen. Die bereits angespannte Lage bei den Vorräten an Mineralien und seltenen Erden kann durch die Ziele der Kohlenstoffneutralität oder IKT-Ausrüstungen zusätzlich unter Druck geraten.

Bedeutet die COVID-19-Pandemie eine kurze Pause für die globalen Märkte?

Die COVID-19-Pandemie und die Lockdown-Maßnahmen haben sich in gewissem Umfang auf unsere Konsum- und Produktionsmuster ausgewirkt. Bestimmte Wirtschaftszweige wie die Tourismus- oder Reisebranche waren ebenso wie viele Lieferketten unmittelbar von dieser Entwicklung betroffen. Die Schließung von Produktionsstätten in China und anderen Exportländern während der ersten Monate des Lockdowns haben zu Verzögerungen bei den Lieferungen einiger Erzeugnisse geführt; hinzu kam das Schiffsunglück, das den Suezkanal mehrere Tage lang unpassierbar machte und Engpässe und Verzögerungen auf den europäischen Märkten nach sich zog. Die COVID-19-Pandemie hatte nicht nur die Unterbrechung der globalen Lieferketten zur Folge, sondern auch einen Rückgang der Nachfrage.

Die Pandemie machte deutlich, wie eng unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaften miteinander verflochten sind und in welchem Maße sie voneinander abhängig sind. Eine Krise im Gesundheitsbereich oder in der Wirtschaft kann leicht weite Kreise ziehen, und ihre Folgen können sich auf der ganzen Welt bemerkbar machen, wenn nicht von Anfang an koordiniert und entschlossen gehandelt wird.

Die COVID-19-Pandemie hat auch eine Erhöhung der weltweiten Nachfrage nach persönlicher Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken und Handschuhen und ein Wachstum des Markts für diese Ausrüstung bewirkt. Verständlicherweise haben Gesundheitsaspekte die ökologischen Bedenken gegen die Nutzung von Einweg-Kunststofferzeugnissen in den Hintergrund treten lassen. Gleichzeitig sorgte die Konjunkturabschwächung für einen Rückgang der Produktion von Kunststoffverpackungen in der EU. Diese Veränderungen können die Fortschritte der EU bei der Erreichung ihrer vor der Pandemie gesteckten Ziele beeinträchtigen. In einem EUA-Briefing, das diesen Monat veröffentlicht werden soll, werden die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Einweg-Kunststofferzeugnisse in der Umwelt Europas näher beleuchtet.

In ihrem zweiten Jahr nimmt die COVID-19-Pandemie je nach Land unterschiedliche Erscheinungsformen an. Länder mit hohen Impfraten heben die Einschränkungen Schritt für Schritt auf und nähern sich auf diese Weise dem Gefühl einer gewissen Normalität an. In den EU-Mitgliedstaaten, in denen bereits je 100 Personen über 70 Impfstoffdosen verabreicht wurden, rücken zunehmend die Wirtschaftskrise und Pläne für die konjunkturelle Erholung in den Mittelpunkt. Wirtschaft und Konsum nehmen wieder zu. Gleichzeitig wütet die Gesundheitskrise in Ländern, in denen der Zugang zu Impfstoffen äußerst beschränkt ist, weiter, was ein Schlaglicht auf die weltweiten Ungleichheiten in einer eng vernetzten Welt wirft.

Die Pandemie hat auch ein Nachdenken über diese Ungleichheiten und entsprechende Maßnahmen ausgelöst, so dass sich Länder mit höherem Einkommen bzw. von der Pandemie weniger stark betroffene Länder dazu gedrängt sahen, anderen Ländern mit medizinischer Ausstattung, Beatmungsgeräten und nun auch Impfstoffen zu helfen. Vergangenen Monat sagten die EU-Staats- und Regierungschefs bedürftigen Ländern die kostenlose Bereitstellung von 100 Millionen Impfstoffdosen gegen das Corona-Virus zu. In der Folge verpflichteten sich die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten dazu, Ländern mit niedrigerem Einkommen 2021 eine Milliarde Impfdosen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Leider liegen diese Mengen noch deutlich unter den 10 Mrd. Impfdosen, die nach Angaben der WHO benötigt werden.

Ungleiche Verteilung von Ressourcen, Auswirkungen und Nutzen

In seinem Bericht „2019 Global Resources Outlook“ bestätigt der Internationale Ausschuss für Ressourcenbewirtschaftung, dass die Nutzung natürlicher Ressourcen und die hiermit verbundenen Vorteile und wirtschaftlichen Auswirkungen ungleichmäßig auf die verschiedenen Länder und Regionen verteilt sind. Länder mit hohem Einkommen, einschließlich der EU-Mitgliedstaaten, weisen nach wie vor einen deutlich höheren Verbrauch an Materialien auf und verursachen deutlich mehr Umweltschäden als die Gruppe der Länder mit niedrigem Einkommen.

Im März 2020 wurde der neue Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft, der Circular Economy Action Plan, vorgelegt; er bildet den Eckpfeiler der Bemühungen der Europäischen Union im Bereich der Ressourcennutzung. Dieser Plan sieht unter anderem ein breites Spektrum an Maßnahmen vor, die die Produktgestaltung, die Abläufe der Kreislaufwirtschaft, einen nachhaltigeren Verbrauch und die Abfallvermeidung betreffen. In diesem Plan wird zum Handeln in zentralen Wertschöpfungsketten für Produkte, unter anderem für Elektronik und IKT-Ausrüstung, Batterien, Verpackung, Kunststoffe, Bekleidung, Gebäude und Bauwesen sowie Lebensmittel, Wasser und Nährstoffe aufgerufen, wobei entsprechende Maßnahmen näher spezifiziert werden. Dieser Plan ist einer der Hauptbestandteile des europäischen Grünen Deals (der umfassenden Initiative der Europäischen Union zur Bewältigung der ökologischen, klimatischen und sozioökonomischen Herausforderungen) und von großer Bedeutung für die Ausrichtung der Investitionen, die sowohl den konjunkturellen Aufschwung nach der COVID-19-Krise als auch den nachhaltigen Wandel unseres Wirtschaftsmodells fördern sollen.

Die Frage der sozialen Dimension und des verantwortlichen Regierungshandelns als zentraler Aspekt für die Sicherstellung eines besseren Wiederaufbaus

Bei der EUA haben wir unsere Arbeiten zur Überwachung der Umwelt, zur Erzielung von Fortschritten auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft und zur Ermittlung von Optionen für politische Strategien und Modelle für die Kreislaufwirtschaft eng auf diese zentralen Produktwertschöpfungsketten abgestimmt. Wir werden die politischen Entscheidungsträger in Europa auch künftig mit Informationen über die zentralen Produktwertschöpfungsketten unterstützen und über das International Resource Panel einen Beitrag zu den Bewertungen der globalen Ressourcen leisten. Wird uns mit der beginnenden wirtschaftlichen Erholung ein besserer Wiederaufbau gelingen?

Um eine auf Zukunftsfähigkeit ausgerichtete Ressourcennutzung in Europa und weltweit erreichen zu können, müssen unsere Systeme des Produzierens und Konsumierens grundlegend verändert werden. Die eigentliche Herausforderung geht weit über die Verbesserung der Effizienz der Produktionsprozesse hinaus. Wenn wir echte Nachhaltigkeit erreichen wollen, müssen wir auch soziale Ungleichheiten angehen. Dies wirft die Frage nach verantwortlichem Regierungshandeln auf: Wie stellen wir sicher, dass Ressourcen und eine saubere Umwelt allen zugänglich sind? Die EUA wird auch weiterhin die Frage der sozialen Dimension und des verantwortlichen Regierungshandelns in entsprechende Bewertungen und politische Diskussionen einbringen.

 Hans Bruyninckx

Hans Bruyninckx

Exekutivdirektor der EUA

Der Leitartikel wurde in der Ausgabe des EUA-Newsletters von Juni 2021 veröffentlicht.

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