Auf dem Weg zu gesunden und produktiven Meeren in Europa und der Welt

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Article Veröffentlicht 15.09.2017 Zuletzt geändert 23.11.2017
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Die marine Tier- und Pflanzenwelt, das globale Klima, unsere Wirtschaft und unser gesellschaftliches Wohlergehen hängen alle von der Gesundheit der Meere ab. Obwohl sich die Situation verbessert hat, zeigen unsere Bewertungen, dass die gegenwärtige Nutzung der europäischen Meere weiterhin nicht nachhaltig ist. Der Klimawandel und der Wettbewerb um natürliche Ressourcen belasten die Meeresumwelt zusätzlich. Politische Strategien und Maßnahmen auf europäischer Ebene könnten gröβere Verbesserungen bewirken, wenn sie durch ein ökosystembasiertes Bewirtschaftungskonzept gesetzt und von einer globalen Meerespolitik gestützt würden.

 Image © Zeljko Scepanovic, NATURE@work/EEA

Europa ist von Meeren und Ozeanen umgeben, die das Klima, die Wirtschaft und die Gesellschaft unseres Erdteils im Laufe der Geschichte geprägt haben. Das Meer hat Küstengemeinden in ganz Europa mit Arbeitsplätzen und nahrhaften Lebensmitteln versorgt. Auf Seehandelswegen gelangten Güter ebenso wie neue Ideen und Innovationen nach Europa, und Meeresströmungen befördern die Wärme tropischer Regionen in Richtung Pole, wodurch sich das Klima Nordeuropas besser für menschliche Besiedelung eignet.

Tatsache ist, dass die Ozeane rund 70 % der Oberfläche unseres Planeten bedecken und für die Erhaltung des Lebens auf der Erde eine entscheidende Rolle spielen. Sie beherbergen eine Vielzahl von Arten und Lebensräumen, und Jahr für Jahr werden wieder neue Arten und Lebensräume entdeckt, die jeweils einzigartige Merkmale aufweisen. Die Weltmeere regulieren nicht nur das globale Klima und fördern die biologischen Vielfalt, sondern fungieren auch als größte CO2-Senke. Sie binden Kohlendioxid aus der Atmosphäre und wirken so dem Klimawandel entgegen. Außerdem schaffen sie Beschäftigungsmöglichkeiten. Nach Angaben der Europäischen Kommission umfasst die „blaue“ Wirtschaft etwa 5,4 Millionen Arbeitsplätze und erzeugt eine Bruttowertschöpfung von fast 500 Milliarden EUR pro Jahr.

Hohe Belastung der Meere

Leider sind die Meere, darunter auch jene rund um Europa, immer gröβeren Belastungen durch menschliche Tätigkeiten und den Klimawandel ausgesetzt. Nach jüngsten Bewertungen gibt es klare Zeichen dafür, dass die Meeresökosysteme geschädigt werden oder sich verändern. Der Temperaturanstieg infolge des Klimawandels und die potenzielle Ozeanversauerung dürften die ökologische Belastbarkeit der europäischen Meere noch weiter schwächen. Ein großer Teil der Belastungen erwächst aus Tätigkeiten auf See wie der Gewinnung und Erzeugung von natürlichen Ressourcen (Mineralien, Fisch, Schalentiere usw.), dem Seeverkehr und der Energieerzeugung oder aus der Umweltverschmutzung, u. a. durch im Meer entsorgte Fischfanggeräte. Beispielsweise verursacht intensive Grundschleppnetzfischerei physische Schäden an den Meeresböden und zerstört so Lebensräume. Oder aber es werden durch Ballastwasser gebietsfremde Arten eingeführt, die ganze Ökosysteme beeinträchtigen können, insbesondere in halbgeschlossenen regionalen Meeren wie der Ostsee und dem Schwarzen Meer.

Von Tätigkeiten an Land – wie dem Einsatz von landwirtschaftlichen Düngemitteln und Industriechemikalien sowie der Entsorgung von Abwässern – gehen zusätzliche Belastungen aus. So enthalten z. B. industriell gefertigte Düngemittel Chemikalien wie Phosphor und Stickstoff, die in der Meeresumwelt als Nährstoff wirken und dadurch u. a. Algenblüten verursachen. Ein solches übermäßiges Algenwachstum entzieht dem Wasser Sauerstoff, sodass andere Wasserlebewesen ersticken. Ebenso gelangen Kunststoffverpackungen und Mikroplastik aus Körperpflegeprodukten durch Abwassersysteme und Flüsse in die Meere. Kunststoffe zerfallen in kleine Stückchen, die von vielen Meereslebewesen irrtümlicherweise für Futter gehalten werden, unter Umständen mit tödlichen Folgen. Die Partikel gelangen sogar in unsere Nahrungskette. Durch die weltweite und europäische Nachfrage nach Rohstoffen und anderen Ressourcen besteht ein Anreiz für Länder und Unternehmen, neue Möglichkeiten jenseits der Land- und Küstengebiete zu erkunden, was zu zusätzlichen Belastungen der Meeresumwelt führen könnte.

Blaue Wirtschaft in Europa

In Anbetracht der ökologischen sowie der wirtschaftlichen Bedeutung, die den Meeren Europas zukommt, hat die EU eine Reihe von politischen Strategien und Maßnahmen in Bezug auf die Planung und Regulierung der nachhaltigen Nutzung von Europas Meeren beschlossen, die sich auf verschiedene Tätigkeiten wie die Fischerei, die Offshore-Energieerzeugung und den Schutz der biologischen Vielfalt der Meere erstrecken. Die im Jahr 2008 verabschiedete Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie soll die Kohärenz der politischen Maßnahmen der EU in diesem Bereich gewährleisten und gibt drei Ziele für die Meere Europas vor: Sie sollen „produktiv“, „gesund“ und „sauber“ sein. Diese Ziele stehen im Einklang mit der EU-Strategie für blaues Wachstum – einer langfristigen Strategie zur Förderung eines nachhaltigen Wachstums im Meereswirtschafts- und Seeschifffahrtsbereich insgesamt, die von der Richtlinie zur maritimen Raumplanung flankiert wird. Außerdem ist die EU-Politik in diesem Bereich auf die UN Ziele für nachhaltige Entwicklung abgestimmt, insbesondere Ziel 14 und Ziel 6.

Auf der Grundlage der vorliegenden Daten gelangte die EUA in ihrer Bewertung zum Zustand der europäischen Meere zu dem Schluss, dass die Meere Europas zwar als produktiv zu betrachten sind, aber keineswegs als gesund oder sauber gelten können. Dennoch sind in einigen Bereichen Verbesserungen zu verzeichnen. So haben beispielsweise die EU-Mitgliedstaaten schon jetzt mehr als 9 % ihrer Meeresflächen zu Meeresschutzgebieten erklärt. Ebenso scheinen auch die Belastungen durch die Fischerei und die Nährstoffanreicherung zurückzugehen. Ungeachtet dieser Verbesserungen ist die gegenwärtige Nutzung unserer Meere jedoch nach wie vor nicht nachhaltig und bedroht nicht nur die Produktivität unserer Meere, sondern auch unser eigenes Wohlergehen. 

Europäische und weltweite Bemühungen

Die Meere sind Teil unseres europäischen Naturkapitals, und ihr Schutz und ihre Nutzung erfordern ein europäisches und ökosystembasiertes Bewirtschaftungskonzept, das über sektorspezifische Maßnahmen hinausgehen muss. Viele der Belastungen hängen mit nicht nachhaltigen Verbrauchs- und Produktionsmustern oder menschlichen Tätigkeiten oder Bedürfnissen an Land zusammen. In Anbetracht dessen können die verbesserte Entsorgung von Siedlungsabfällen (weniger Plastik in der Natur) oder der Umstieg auf sauberere Verkehrsmittel (geringere Treibhausgasemissionen) einen ebenso großen Beitrag zum Schutz der Meeresumwelt leisten wie eine verstärkte Anwendung nachhaltiger Fischereipraktiken. In den letzten Jahren haben sich politische Maßnahmen der EU wie das Paket zur Kreislaufwirtschaft, das Klima- und Energiepaket und die Strategie für eine emissionsarme Entwicklung zunehmend zu umfassenden Gesamtkonzepten entwickelt, mit denen sozioökonomische und umwelt- und klimabezogene Herausforderungen in einem gröβeren Kontext angegangen werden sollen.

In Bezug auf die Meeresumwelt würde ein umfassendes Konzept die Einführung einer ökosystembasierten Bewirtschaftung voraussetzen und verschiedene politische Foren innerhalb der EU zusammenführen, so z. B. jene der Gemeinsamen Fischereipolitik, der Richtlinie zur maritimen Raumplanung und der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie.

So wie bei vielen anderen globalen Herausforderungen – wie Luftverschmutzung oder Klimawandel – kann auch die Gesundheit der europäischen Meere nur durch ein globales Vorgehen gewährleistet werden. Zur Förderung der globalen Kooperation und Erörterung von Fragen im Zusammenhang mit der globalen Meerespolitik wird die Europäische Union im Oktober in Malta die Konferenz „Our Ocean“ (Unser Ozean) 2017 ausrichten. Bei dieser Gelegenheit werden die Europäische Umweltagentur und die Europäische Kommission die Plattform WISE-Marine zum Austausch von Informationen über die Meeresumwelt auf europäischer Ebene vorstellen, wodurch die Meerespolitik und die ökosystembasierte Bewirtschaftung unterstützt werden soll.

 

Hans Bruyninckx

Exekutivdirektor der EUA

Leitartikel aus der Ausgabe Nr. 03/2017 des EUA-Newsletters von September 2017

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