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Interview — Bodenverunreinigung: Altlasten der Industrialisierung

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Article Veröffentlicht 13.11.2019 Zuletzt geändert 06.08.2020
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Bodenverunreinigung ist ein Thema, das eng mit unserer gemeinsamen Vergangenheit verbunden und Teil der Geschichte ist, wie Europa zuerst zum industriellen und später zum umweltpolitischen Vorreiter in der Welt wurde. Wir sprachen mit Mark Kibblewhite, emeritierter Professor an der Cranfield University, Vereinigtes Königreich, und einer der führenden Bodenexperten Europas, um das Problem der Bodenverunreinigung besser zu verstehen.

Was bedeutet Bodenverunreinigung?

Im Prinzip ist der kontaminierte oder verunreinigte Boden ein Boden, dem durch menschliche Aktivitäten Stoffe zugesetzt werden. Dies kann direkt oder indirekt geschehen, und es kann sein, dass die Kontamination schon vor sehr langer Zeit stattgefunden hat oder dass sie gerade jetzt geschieht. Es ist ein ernstes Problem, wenn Flächen für etwas genutzt werden, bei dem die Möglichkeit besteht, dass Menschen Bodenverunreinigungen ausgesetzt werden. Es ist schwierig, eine Bodenverunreinigung zu beseitigen, und die Kosten hierfür sind häufig sehr hoch. Für eine Generation ist es sehr schwierig, die durch viele frühere Generationen angerichtete Verschmutzung zu beseitigen.

Was sind die Hauptquellen für die Bodenkontamination? Was kann getan werden, um dieses Problem anzugehen?

Verschiedene Schadstoffe haben unterschiedliche Quellen, aber die wahrscheinlich wichtigsten Quellen sind vormalige industrielle Aktivitäten. Ihr Vermächtnis sind Gebiete mit starker Bodenkontamination, hauptsächlich mit Metallen, Teeren und anderen damit verbundenen Stoffen. Eine weitere wichtige Quelle sind militärische Aktivitäten, auch auf Übungsplätzen. So ist eines der schlimmsten Beispiele für Bodenverunreinigungen in Europa das ehemalige Jugoslawien, wo Anti-Personen-Minen eingesetzt wurden, die eine extreme Form der Bodenkontamination verursachen.

Die Palette der verschiedenen Arten von Verunreinigungen ist riesig; sie umfasst nicht nur Metalle, sondern auch eine Reihe von organischen Molekülen, Krankheitserregern, biologisch aktiven Stoffen, radioaktiven Stoffen und so weiter, und alle diese haben unterschiedliche Quellen.

Vorschriften und Normen haben sich in den letzten 30-40 Jahren zunehmend bewährt, um Bodenverunreinigungen zu verhindern. In der Zwischenzeit wurden viele stark kontaminierte Standorte in sicherere Zustände gebracht, obwohl es noch immer viele gibt, die nicht behandelt wurden. Um das Risiko einer Bodenkontamination zu verringern, kann ein sehr breites Spektrum an Technologien eingesetzt werden; mit ihnen können die Schadstoffe entfernt oder eingedämmt werden. Die entscheidende Frage ist die Höhe des Restrisikos, das wir vor dem Hintergrund der Kosten der Sanierung zu akzeptieren bereit sind.

Wie viel von der Verunreinigung aus der Vergangenheit können wir beseitigen? Wie werden diese Standorte ausgewählt?

Die beiden großen Triebkräfte für die Sanierung kontaminierter Böden sind Risiken für die menschliche Gesundheit sowie für die Oberflächen- und Grundwasserqualität. Die Erfüllung der Ziele der Wasserrahmenrichtlinie[i] der EU kann eine Bodensanierung zum Schutz der aquatischen Ökologie erforderlich machen. Eine dritte Triebfeder ist die landwirtschaftliche Produktion und die Gewährleistung von Pflanzengesundheit und Nahrungsmittelsicherheit.

Vieles hängt von der Endnutzung des Landes und der Verfügbarkeit von Finanzmitteln seitens der Bauträger ab. In Städten mit langer industrieller Vergangenheit ist die Bodenverunreinigung in sehr wertvollen Gebieten wie Geschäftsvierteln oder großen wassernahen Siedlungen inzwischen weitgehend beseitigt, sodass die Risiken begrenzt sind. Das sind gute Fortschritte, aber in Gebieten ohne große aktuelle wirtschaftliche Bedeutung ist es oft nicht möglich, Mittel für die Sanierung zu sichern.

Wir haben große Fortschritte bei der Sanierung von Böden in Europa gemacht, aber wir haben immer noch ein Problem. Es gibt viele Orte in Europa, an denen sich noch keine wirtschaftlichen Anreize und Motivationen für die Sanierung von Bodenverunreinigungen gezeigt haben. Letztendlich lautet die Schlüsselfrage, welches Risiko wir bereit sind zu akzeptieren, und was wir tun, wenn diese Risiken überschritten werden.

Wie wirkt sich die Landwirtschaft auf die Bodenverunreinigung aus?

In diesem Zusammenhang sind die beiden Metalle Cadmium und Kupfer von besonderer Bedeutung. Cadmium ist eine Verunreinigung in Phosphordüngern, und es kommt immer etwas zusätzliches Cadmium im Boden vor, wo diese verwendet werden. Die Mengen können zwar sehr gering sein, aber sie sind kumulativ. Da Cadmium krebserregend ist, müssen wir diese Akkumulation sorgfältig überwachen. Es wurde und wird viel daran gearbeitet, dieses Problem zu quantifizieren und zu untersuchen, wie Cadmium in Düngemitteln reduziert werden kann. Kupfer kommt in Gebieten mit Rebflächen vor, in denen das Metall in der Vergangenheit als Pilzbekämpfungsmittel verwendet wurde. Dieses Kupfer hat sich leider im Boden angesammelt. Sobald diese und andere Metalle dem Boden zugegeben werden, bleiben sie dort, und es gibt nur wenige realistische Aussichten auf ihre Beseitigung.

Pestizide sind ein weiteres Problem im Zusammenhang mit der Landwirtschaft. Wir wissen zum Beispiel, dass sich chlororganische Pestizide, die seit langem verboten sind, immer noch in Böden in ganz Europa befinden. Bei den heutigen Pestiziden ist der Fokus auf ihre Auswirkungen auf die Bodenorganismen eher begrenzt. Sie können zu Problemen führen, die wir bisher noch nicht bemerkt haben. Außerdem ist unser Regulierungssystem bezüglich der Auswirkungen von Agrarchemikalien auf den Boden meiner Meinung nach eher schwach.

Wie wirkt sich die Bodenverunreinigung auf die Biodiversität aus?

Unser Verständnis der Auswirkungen der Bodenkontamination auf die Bodenorganismen und die Bodenfunktionen ist relativ dürftig, und heute gibt es einige Komplikationen im Zusammenhang mit der Bodenkontamination und der oberirdischen Biodiversität. Viele Standorte in ganz Europa wurden vor Jahrzehnten aufgegeben und sind daher nach der natürlichen Regeneration zu wichtigen Reservoirs für Arten und Biodiversität geworden. Ihre Sanierung kann diese biologische Vielfalt schädigen.

Wenn wir global denken, müssen wir einsehen, dass insbesondere unsere Luftemissionen sehr weit entfernte Böden verunreinigen und sich auf die biologische Vielfalt des Bodens auswirken können; daher tragen wir die Verantwortung dafür, sicherzustellen, dass diese Emissionen minimiert werden. Selbst in den Polarregionen und anderen sehr abgelegenen Gebieten finden wir Kontaminanten, die ausschließlich menschlichen Ursprungs sind.

Welches andere Wissen fehlt über die Bodenverunreinigung? Welche neuen Probleme kommen auf uns zu?

Wir haben vielleicht die Radioaktivität als Problem unterschätzt. Es handelt sich um ein weit verbreitetes Problem geringeren Ausmaßes, aber es gibt auch einige Hotspots, wie z. B. Städte mit alten Schmuckherstellungs- und Uhrmacherbetrieben. Diese Gebiete können eine erhöhte Verunreinigung des Bodens durch Radioaktivität aufgrund von lumineszierenden und anderen Substanzen aufweisen, die in kleinen Werkstätten verwendet wurden.

Durch die Kombination neuer Geodatensätze und Bodeninformationen werden wir eine viel klarere Vorstellung davon erhalten, wo eine Kontamination vorliegt. Parallel dazu werden die epidemiologischen Studien immer ausgefeilter, und wir verfügen über immer mehr Informationen über Krankheitsfälle, die mit bestimmten Gebieten verbunden sind. Wenn diese beiden Dinge zusammenkommen, werden wir vielleicht feststellen, dass einige Krankheiten, die wir in der Allgemeinbevölkerung beobachten, eindeutig mit der Bodenkontamination zusammenhängen können, was bislang schwer nachzuweisen war.

Welche positiven Fortschritte sehen Sie für die Zukunft?

Das Beste für die Zukunft ist die Vermeidung einer weiteren Bodenkontamination. Wir können auf bestehenden Regelungen aufbauen, die die industrielle Kontamination von Böden kontrollieren, und die Bürgerinnen und Bürger direkter einbeziehen. Kunststoffe sind hier ein gutes Beispiel. Wir haben bereits eine von den Bürgern angeregte Bewegung zur Reduzierung des Kunststoffverbrauchs, und ich bin sehr optimistisch, dass die Menschen, wenn sie sich der Auswirkungen ihres individuellen Handelns bewusster werden, ihr Verhalten ändern werden, was sich allgemein positiv auf die Bodenbewirtschaftung einschließlich der Kontamination auswirken wird.

Mark Kibblewhite

Emeritierter Professor, Cranfield University, Bedford, Vereinigtes Königreich

 

 

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