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Interview - Die Ökonomie der Biodiversität: Kann Buchhaltung zur Rettung der Natur beitragen?

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Article Veröffentlicht 17.05.2022 Zuletzt geändert 07.06.2022
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Ist die Umrechnung der Natur in Geldwerte ein Beitrag zu ihrem Schutz oder brauchen wir neue Governance-Modelle? Wie hängt der Handel mit dem Verlust an Biodiversität und Ungleichheiten zusammen? Wir sprachen mit James Vause, dem leitenden Wirtschaftswissenschaftler des Weltüberwachungszentrums für Naturschutz des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP-WCMC), der am Dasgupta-Bericht über die Ökonomie der Artenvielfalt mitgewirkt hat, insbesondere an dem Kapitel über Handel und Biosphäre.

Wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen erfüllen, um sicherzustellen, dass die Weltwirtschaft innerhalb der Grenzen des Planeten agiert.

Was wäre nötig, um den Verlust an Biodiversität zu stoppen – der Natur den „richtigen“ wirtschaftlichen Wert beimessen?

Ein bereichsübergreifendes Verständnis ist für wirksame Maßnahmen unerlässlich. Dabei könnte es darum gehen, die Rolle der Natur bei der Ermöglichung wirtschaftlicher Tätigkeiten, die Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten auf die Biodiversität, die Kosten und den Nutzenpolitischer Optionen zur Bewältigung dieser Auswirkungen oder die Bewertung der vielfältigen Vorteile von Investitionen in die Natur zu verstehen. Das versuchen wir beim UNEP-WCMC zu tun. Bei unserer Arbeit geht es unter anderem um Schutzgebiete, Landwirtschaft, nachhaltiges Finanzwesen, Tourismus, Handel, Infrastruktur und die blaue Wirtschaft.

Wir haben vor kurzem ein Papier veröffentlicht, in dem wir die enorme Menge von Arbeiten, die in den letzten Jahren entstanden sind, untersucht haben. Alles deutet darauf hin, dass die Ursachen für den Verlust an Biodiversität außerhalb des Naturschutzsektors angegangen werden müssen. Wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen erfüllen, um sicherzustellen, dass die Weltwirtschaft innerhalb der Grenzen des Planeten agiert.

Dazu könnte es erforderlich sein, den wirtschaftlichen Wert der Natur viel stärker ins Blickfeld zu rücken und dafür zu sorgen, dass er berücksichtigt wird. Aber das ist nur ein Teilaspekt. Wie im Dasgupta-Bericht hervorgehoben wurde, hängt ein großer Teil des Problems mit einem institutionellen Versagen zusammen – damit, wie wir wirtschaftliche und finanzielle Aktivitäten regulieren und auch, wie wir Fortschritte messen.

Welche Punkte aus dem Dasgupta-Bericht möchten Sie besonders hervorheben?

Der Dasgupta-Bericht schreckt nicht vor dem Ausmaß der Herausforderung, vor der wir stehen, zurück. In ihm wird hervorgehoben, dass weitreichende Veränderungen erforderlich sind, wenn wir das Angebot an Naturkapital erhöhen und unsere Ansprüche an die Biosphäre verringern wollen. Diese Veränderungen müssen durch ein Maß an Ehrgeiz, Koordinierung und politischem Willen untermauert werden, das mindestens so groß ist wie das des Marshall-Plans nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Bericht zeigt, dass wir ein Engagement brauchen, dass sowohl über Regierungen als auch über internationale Grenzen hinausgeht.

Er unterstreicht die Bedeutung von Bildung und zeigt auf, wie wichtig es ist, dass wir  zu schätzen wissen, damit wir bereit sind, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen und zu unterstützen. Es wird auch die Rolle des Einzelnen hervorgehoben. Wir alle treffen Entscheidungen, die sich auf die Natur auswirken, also können wir Teil des Wandels sein. Ich habe zum Beispiel vor kurzem meine Bank und meine Rentenversicherung gewechselt.

Welche Art von Governance-Strukturen brauchen wir, um dieses „institutionelle Versagen“ zu überwinden?

Gemeinsam mit unseren Partnern der Cambridge Conservation Initiative untersuchen wir die Art von Governance, die erforderlich ist, um Landschaften zu verwalten, die einen mehrfachen Nutzen haben, einschließlich der Biodiversität. Wir stellen fest, dass es verschiedene Organisationen mit unterschiedlichen Mandaten und Interessen gibt, die innerhalb unterschiedlicher, aber sich überschneidender Verwaltungsgrenzen arbeiten, die in der Regel nicht mit ökologischen Grenzen übereinstimmen. Es kann sogar eine internationale Dimension geben, zum Beispiel wenn es internationale Handels- und Investitionsinteressen gibt. Wie aber bringen wir internationale Interessen mit den Zielen der lokalen Bevölkerung und den nationalen Biodiversitätszielen in Einklang? Das ist eine Herausforderung für die Governance.

Laut dem Arbeitsprogramm New Nature Economy des Weltwirtschaftsforums ist etwa die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) mäßig oder stark von der Natur abhängig, und diese Abhängigkeit verteilt sich wegen der globalen Handelsbeziehungen nicht auf die großen landwirtschaftlichen Erzeugerländer der Welt.

Wie aber bringen wir internationale Interessen mit den Zielen der lokalen Bevölkerung und den nationalen Biodiversitätszielen in Einklang? Das ist eine Herausforderung für die Governance.

Bei der Änderung des Verhältnisses zwischen unseren Volkswirtschaften und der Artenvielfalt geht es nicht nur darum, sich innerhalb des Übereinkommens über die biologische Vielfalt auf einen guten Rahmen für die Zeit nach 2020 zu einigen, sondern auch darum, dass dieser von anderen internationalen Institutionen – in diesem Fall der Welthandelsorganisation – aufgegriffen wird. Erfreulicherweise werden hier einige Fortschritte erzielt. So wird beispielsweise versucht, innerhalb des Abkommens über Klimawandel, Handel und Nachhaltigkeit festzulegen, wie Handelsregeln zu den Klima- und Nachhaltigkeitszielen beitragen können.

Wie bei allen Governance-Strukturen ist auch hier ein Durchsetzungsmechanismus unerlässlich. Letztlich hängt dies vom Engagement der Länder und ihrer Staats- und Regierungschefs ab, ausreichende Mittel bereitzustellen, um den Verlust an Biodiversität zu bewältigen. Auch hier gibt es einige ermutigende Entwicklungen, z. B. den europäischen Grünen Deal und den Leaders’ Pledge for Nature des UN-Biodiversitätsgipfels 2020. Wie im Dasgupta-Bericht jedoch hervorgehoben wird, brauchen wir koordinierte Maßnahmen in großem Umfang.

Welche sozialen Ungleichheiten gehen mit dem Verlust an Biodiversität einher?

Erstens gibt es eine Ungleichheit der Auswirkungen zwischen den Ländern. Der Handel sorgt dafür, dass es Orte gibt, an denen der Fußabdruck der Menschheit größer ist als die lokale Kapazität der Natur, diesen Fußabdruck zu decken. Global betrachtet bedeutet dies, dass die reicheren Länder durch den Handel den Verlust an Biodiversität auf der ganzen Welt vorantreiben. Stellt man die Leistungen der Länder auf dem Index der menschlichen Entwicklung ihrem ökologischen Fußabdruck gegenüber, so zeigt sich, dass nur sehr wenige Länder mit hohen Werten auf dem Index der menschlichen Entwicklung einen gleichen Anteil an der weltweiten Biokapazität haben.

Außerdem gibt es Unterschiede innerhalb der Gesellschaft. Wenn wir das oben genannte Beispiel des Handels aufgreifen und bedenken, dass die Vorteile des Handels nicht unbedingt den Ärmsten der Gesellschaft zugute kommen, ergibt sich ein besorgniserregendes Bild. Das liegt daran, dass die Ärmsten der Gesellschaft wahrscheinlich auch die größten Kosten des mit dem Handel verbundenen Verlusts an Biodiversität tragen, da sie in ihrem täglichen Leben am stärksten auf die Natur angewiesen sind.

Und schließlich gibt es die Ungleichheit zwischen den Generationen. Nachdem ich kürzlich David Attenboroughs „Ein Leben auf unserem Planeten“ gelesen habe, bin ich in Bezug auf den Aspekt mit den Generationen entsetzt. Unsere Welt verändert sich sehr schnell. Eine Analyse, die das Naturhistorische Museum und Vivid Economics für den Dasgupta-Bericht durchgeführt haben, hat außerdem ergeben, dass sich die Kosten für die Stabilisierung des Verlusts an Biodiversität verdoppeln, wenn wir die Maßnahmen zur Erhaltung der Biodiversität um ein Jahrzehnt hinauszögern, und dass die Chance, ein ähnliches Niveau an Biodiversität wie heute zu erhalten, schwindet. Es zeigt sich also mehr denn je, dass dringend gehandelt werden muss.

Kann das neue Rechnungslegungssystem der Vereinten Nationen die Art und Weise verändern, wie wir die Natur bewerten?

In dem Dasgupta-Bericht wird vorgeschlagen, dass wir dazu übergehen müssen, unseren Wohlstand als Maßstab für den wirtschaftlichen Fortschritt zu messen, und nicht unser Einkommen oder unser Aktivitätsniveau, wie es im BIP erfasst wird. Es wird vorgeschlagen, dass wir unseren Fortschritt auf der Grundlage eines integrativen Wohlstands messen, der das Naturkapital einschließt. Dieser Gedanke ist in das neue System über umweltökonomische Gesamtrechnungen (System of Environmental-Economic Accounting; SEEA-EA) der Vereinten Nationen eingebettet, denn ein entscheidender Teil des natürlichen Stammkapitals sind unsere Ökosysteme.

Wir sehen bereits die Auswirkungen des neuen Systems bei unserer Arbeit. Die SEEA-EA-Leitlinien haben die Reichweite der Daten zur Biodiversität vergrößert. Die Daten sind jetzt nicht mehr nur für das Umweltministerium von Interesse, sondern werden von den nationalen Statistikämtern gesammelt und verbreitet; sie werden anschließend von den Wirtschaftsplanungsabteilungen geprüft, die sich dann für Maßnahmen zum Schutz der Natur einsetzen, allerdings unter dem Gesichtspunkt des sozioökonomischen Fortschritts. Das ist ziemlich spannend und vielversprechend.

Sind Sie optimistisch, dass wir die Art und Weise, wie wir die Natur schätzen und mit ihr umgehen, ändern können?

Ich denke, die Menschen wollen Veränderungen und erwarten von den Regierungen mehr als nur Worte. Ich denke auch, dass COVID-19 uns ein wenig wachgerüttelt hat.

Auch im Dasgupta-Bericht liegt ein Schwerpunkt auf der Idee der sozial eingebetteten Präferenzen, was bedeutet, dass das Verhalten und die Handlungsweisen einer Person durch das Verhalten und die Handlungsweisen anderer beeinflusst werden. Dies lässt hoffen, dass eine weit verbreitete Verhaltensänderung möglich ist, und zwar zu geringeren Kosten, als wir erwarten würden, wenn die Menschen sich gerne anpassen. Der derzeitige Trend zu einer stärker pflanzlich geprägten Ernährung könnte ein gutes Beispiel dafür sein.

 Weitere Informationen zu Biodiversität und Ökosystemleistungen.

James Vause

James Vause
Leitender Wirtschaftswissenschaftler beim UNEP-WCMC

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