Editorial – Sauberes Wasser ist Leben, Gesundheit, Ernährung, Freizeit, Energie....

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Article Veröffentlicht 19.11.2018 Zuletzt geändert 14.02.2019
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Wasser bedeckt mehr als 70 % der Erdoberfläche. Das Leben auf der Erde begann im Wasser, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass alle Lebewesen auf unserem blauen Planeten Wasser brauchen. Wasser hat in der Tat viele Eigenschaften: es ist ein lebensnotwendiges Gut, ein Zuhause, eine lokale und globale Ressource, ein Transportkorridor und ein Klimaregulator. Und in den letzten zwei Jahrhunderten wurde es eine Endstation für viele Schadstoffe, die in die Natur abgegeben werden, sowie eine neu entdeckte Quelle von mineralischen Rohstoffen. Um weiterhin die Vorteile von sauberem Wasser und gesunden Ozeanen und Flüssen genießen zu können, müssen wir die Art und Weise, wie wir Wasser nutzen und behandeln, grundlegend ändern.

 Image © Petar Sabol, WaterPIX / EEA

Im Wasser leben Millionen von Arten, von den kleinsten Organismen, gemessen in Mikron, bis hin zu Blauwalen, die bis zu 30 Meter lang und 200 Tonnen schwer werden. In der Tiefsee werden jedes Jahr neue Arten entdeckt. Die Ozeane und Meere spielen auch für das globale Klima eine Schlüsselrolle: Sie sind die größte Kohlendioxidsenke und binden Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Meeresströmungen tragen dazu bei, verschiedene Regionen zu erwärmen und zu kühlen, wodurch sie bewohnbarer werden. Die Verdunstung aus warmen Meeren kann als Regen oder Schnee auf der ganzen Welt fallen und das Leben an Land erhalten.

Für uns Menschen ist Wasser nicht nur ein lebenswichtiges Bedürfnis unseres Körpers, sondern auch eine Ressource, von der wir jeden Tag profitieren. Zu Hause verwenden wir es zum Kochen, Reinigen, Duschen und Spülen. Bei der Produktion unserer Lebensmittel, Kleidung, Handys, Autos und Bücher wird Wasser verwendet. Mit Wasser bauen wir unsere Häuser, Schulen und Straßen, heizen Gebäude und kühlen Kraftwerke. Mit dem Strom, den wir aus seiner Bewegung erzeugen, beleuchten wir unsere Städte und unsere Häuser. An einem heißen Sommertag tauchen wir ins Meer oder machen einen Spaziergang an einem See, um uns abzukühlen.

Wasser ist auch ein Weg, um Menschen und Güter zu verbinden und zu bewegen. Es bietet ein natürliches Verkehrsnetz rund um den Globus, das nicht nur Küstenstädte, sondern auch Binnenstädte entlang schiffbarer Flüsse verbindet und so den globalen Handel ermöglicht. Unsere in Amerika, Afrika oder Asien hergestellten T-Shirts, Kaffeebohnen oder Laptops können per Schiff nach Europa transportiert werden. Kurzum, Wasser ist in allen Bereichen unseres Lebens präsent.

Leider hat die Art und Weise, wie wir diese kostbare Ressource nutzen und behandeln, nicht nur Auswirkungen auf unsere Gesundheit, sondern auch auf alles Leben, das vom Wasser abhängig ist. Verschmutzung, Ausbeutung, physische Veränderungen der Wasserlebensräume und der Klimawandel beeinträchtigen weiterhin die Qualität und Verfügbarkeit von Wasser.

Wir verändern die Natur des Wassers

Wenn wir Wasser aus einer Quelle entnehmen und nutzen, verändern wir fast immer mehrere Aspekte des Wassers. Wir begradigen Flussläufe, bauen Kanäle, um Meere und Flüsse zu verbinden, und Dämme und Talsperren, um unseren Wasserverbrauch zu decken. Das aus den Grundwasserleitern gewonnene Grundwasser wird oft über Hunderte von Kilometern zu uns nach Hause transportiert. Einmal verwendet, kann es durch chemische Substanzen (z. B. Phosphate in Reinigungsmitteln), Kunststoff-Mikroperlen oder Mineralöl verunreinigt sein. Einige dieser Schadstoffe und Verunreinigungen können auch nach einer aufwändigen Abwasserbehandlung im Wasser verbleiben. In der Landwirtschaft kann Wasser durch Rückstände von Chemikalien verunreinigt werden, die in Düngemitteln und Pestiziden verwendet werden. Ein Teil dieses veränderten Wassers gelangt nach Gebrauch und gegebenenfalls Behandlung wieder zurück in die Gewässer.

Auch durch Verkehr und Industrie freigesetzte Luftschadstoffe können sich auf Flüssen, Seen und Meeren niederschlagen und die Wasserqualität beeinträchtigen. Unsere Art Wasser zu nutzen kann die Temperatur und den Salzgehalt der Ozeane verändern. Das für die Kühlung im Energiesektor verwendete Wasser kann deutlich wärmer sein als das entnommene Wasser. Ebenso kann bei Entsalzungsprozessen Sole mit hohen Salzkonzentrationen wieder an die Meeresumwelt abgegeben werden. Im Endeffekt ist das, was wir in die Natur zurückführen, oft völlig anders als das, was wir entnommen haben. Zudem bringen wir es nicht immer dorthin zurück, wo wir es her haben.

Die Wasserqualität ist entscheidend

In den letzten vier Jahrzehnten hat Europa bedeutende Fortschritte bei der Regulierung seiner Wasserqualität, der Behandlung seiner Abwässer und dem Schutz seiner Meeres- und Süßwasserlebensräume und -arten gemacht. Die EU-Strategien betreffen ein breites Spektrum von Fragen, angefangen bei Trinkwasser, kommunalen Abwässern, dem Schutz von Lebensräumen, der Ausweisung von Meeresschutzgebieten und der Qualität der Badegewässer bis hin zu Überschwemmungen, Einweg-Kunststoffen, Industrieemissionen und Beschränkungen für den Einsatz gefährlicher Chemikalien. Diese spezifischen EU-Vorschriften werden durch übergreifende Programme und Rechtsvorschriften wie das Siebte Umweltaktionsprogramm, die Wasserrahmenrichtlinie und die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie verstärkt.

Außerdem ist den Europäern die Qualität ihres Wassers sehr wichtig. Es ist kein Zufall, dass es bei der ersten Europäischen Bürgerinitiative zum Recht auf Wasser (Right2water), die von mehr als 1,8 Millionen Unterzeichnern unterstützt wurde, um Wasser ging. Sensibilisierungsmaßnahmen in Verbindung mit wassersparenden Technologien und Investitionen in die Vermeidung von Wasserverlusten im Leitungsnetz haben zu tatsächlichen Wassereinsparungen in ganz Europa geführt. Die Gesamtmenge des in Europa entnommenen Wassers ist seit dem Jahr 1990 um 19 % zurückgegangen. Inzwischen sind mehr als 80 % der europäischen Bevölkerung an eine kommunale Abwasserbehandlungsanlage angeschlossen, was den Eintrag von Schadstoffen in Gewässer deutlich reduziert hat. Unser jüngster Bericht über den Zustand der Gewässer zeigt, dass etwa drei Viertel der europäischen Grundwasserkörper chemisch gesehen einen guten Zustand aufweisen: sie sind sauber.

Die regelmäßige Überwachung der Badegewässerqualität ergab, dass etwa 85 % der im Jahr 2017 überwachten Badegebiete in der EU „ausgezeichnet“ waren. Mehr als 10 % der europäischen Meere wurden als Meeresschutzgebiete ausgewiesen, um zur Erhaltung der Meeresfauna und der marinen Lebensräume beizutragen. Dies sind sehr vielversprechende Verbesserungen. Gleichwohl gibt der ökologische und chemische Zustand der europäischen Oberflächengewässer trotz der Fortschritte weiterhin Anlass zur Sorge.

Von den Oberflächengewässern erreichten im Beobachtungszeitraum von 2010 bis 2015 nur etwa 39 % das EU-Ziel eines „guten“ oder „sehr guten“ ökologischen Zustands, während 38 % einen „guten“ chemischen Zustand erreichten. Ein schlechter chemischer Zustand entsteht zum Teil dadurch, dass Schadstoffe (z. B. Nitrate aus der Landwirtschaft) nicht einfach verschwinden. Wasser absorbiert und transportiert Schadstoffe, die sich schließlich in Seen und Ozeanen ansammeln. Viele Flüsse wurden physisch verändert oder durch menschliche Eingriffe beeinflusst, was die Wanderung von Fischen flussaufwärts oder die Verlagerung von Sedimenten flussabwärts beeinträchtigt.

Viele Meeresfischbestände sind überfischt, wodurch das Überleben ganzer Fischpopulationen gefährdet ist. Invasive gebietsfremde Arten, die durch Schiffe oder durch Kanäle verbreitet werden, gefährden einheimische Arten. Abfälle im Meer, überwiegend aus Kunststoff, findet man in allen Winkeln der Welt, von der Arktis bis zu unbewohnten Inseln im Pazifik. Und selbst wenn wir verhindern, dass neue Schadstoffe in die Gewässer gelangen, müssen wir leider mit der Hinterlassenschaft aller Schadstoffe rechnen, die vor Jahrzehnten oder, wie im Falle von Quecksilber, vor Jahrhunderten ins Wasser gelangt sind. Und zukünftige Generationen werden sich dem Vermächtnis unserer Verschmutzung stellen müssen.

Umgang mit Knappheit und Überfluss

Verglichen mit vielen anderen Teilen der Welt verfügt Europa über verhältnismäßig reichhaltige Süßwasserressourcen. Diese Ressourcen sind jedoch nicht gleichmäßig über den Kontinent verteilt. Tatsächlich leidet nach unseren Schätzungen etwa ein Drittel des EU-Gebietes an Wasserknappheit, bei der die Nachfrage in einem bestimmten Zeitraum das verfügbare Angebot übersteigt.

Der Klimawandel wird sich voraussichtlich auf die Verfügbarkeit von Wasser in Europa auswirken und die bereits unter Wasserknappheit leidenden südeuropäischen Regionen zusätzlich belasten. In anderen Teilen Europas werden häufigere Überschwemmungen erwartet, wohingegen niedrig gelegene Regionen durch Sturmfluten und den Anstieg des Meeresspiegels gefährdet sind. Städte und Regionen stehen an vorderster Front der Aktivitäten vor Ort und führen Maßnahmen durch, die von der Reduzierung von Leckagen und der Wasserwiederverwendung bis hin zur Anlage Grünflächen und Wasserflächen in städtischen Gebieten reichen, um Hochwasserrisiken und Wasserschäden zu minimieren.

Einige der wirtschaftlichen Schlüsselsektoren, wie die Agrarindustrie, verbrauchen erhebliche Mengen an Trinkwasser. In den Frühlings- und Sommermonaten entfällt wahrscheinlich mehr als die Hälfte des Wasserverbrauchs in Teilen Südeuropas auf landwirtschaftliche Aktivitäten. Ebenso müssen beliebte Reiseziele, einschließlich kleiner Inseln im Mittelmeer, unter Umständen Tausende von Besuchern mit Wasser versorgen, was ihre ohnehin schon knappen Wasservorräte erheblich belastet.

Eine lokale und globale Ressource

Der Massentourismus ist nicht der einzige Grund, aus dem die lokalen Wasserressourcen durch ortsfremde Nutzer zusätzlich belastet werden. Der globale Handel ermöglicht Verbrauchern die Nutzung natürlicher Ressourcen, einschließlich Wasser, aus allen Teilen der Welt. Französischer Wein, der nach China ausgeführt wird, „exportiert“ auch das Wasser, das für den Weinanbau und die Weinherstellung verwendet wurde. Ebenso führen nach Europa eingeführte Waren auch „virtuelles Wasser“ ein.

Wasser ist in vielerlei Hinsicht eine lokale Ressource. Veränderungen der Wassermenge oder -qualität haben direkte Auswirkungen auf die lokale Umwelt und die lokale Bevölkerung. Aber Wasser in seiner Gesamtheit ist auch ein globaler Körper – ein gemeinsames Gut, das von allen Menschen und allen Lebewesen auf unserem Planeten geteilt wird. Wasser fließt über Ländergrenzen hinweg und verbindet Kontinente physisch und kulturell. Da viele große Gewässer miteinander verbunden sind, kann das, was als lokales Problem beginnt, zu einem von vielen Faktoren werden, die zu einem größeren Problem beitragen. Umgekehrt kann ein globales Problem, wie zum Beispiel Kunststoffe oder höhere Wassertemperaturen in den Ozeanen, schwerwiegendere lokale Auswirkungen haben.

Dieser lokal-globale Charakter des Wassers erfordert Kooperations- und Governance-Strukturen, die dem Ausmaß der jeweiligen Herausforderung gerecht werden. Es ist somit verständlich, dass in vielen EU-Strategien für Süßwasser und Meeresumwelt die regionale und globale Zusammenarbeit im Vordergrund steht. Die EU ist ein aktiver Akteur in den Governance-Strukturen, die von den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung bis hin zu regionalen Kooperationsstrukturen wie der Internationalen Kommission zum Schutz der Donau oder der OSPAR-Kommission für den Nordostatlantik reichen. In den letzten Jahren haben die Governance-Strukturen zu Recht nichtstaatliche Akteure, wie große Fischereiunternehmen, einbezogen, um eine nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen zu gewährleisten.

Angesichts der wachsenden Anforderungen konkurrierender Nutzer ist klar, dass eine nachhaltige Nutzung von Wasser und seinen Ressourcen nur durch Effizienz, Innovation, Vermeidung von Verschwendung (z. B. Reduzierung von Leckagen), Wiederverwendung, Recycling – Schlüsselkomponenten einer Kreislaufwirtschaft – erreicht werden kann. Wenn wir eine Resource, z.B. Wasser, einsparen, reduzieren wir gleichzeitig auch den Verbrauch anderer Resourcen.

Wissen ist die Basis für die Gestaltung zukünftiger Strategien

Die Europäische Umweltagentur (EUA) arbeitet mit Umweltinformationen. Ein komplexes und ineinandergreifendes Thema wie Wasser erfordert unterschiedliche Datenströme, tiefgreifende und systemische Analysen und eine enge Zusammenarbeit mit Netzwerken und Institutionen. Die EUA bündelt all dieses Wissen über die Umwelt in Europa und informiert Entscheidungsträger sowie die Öffentlichkeit.

In den letzten vier Jahrzehnten haben die Mitgliedstaaten in Übereinstimmung mit den EU-Vorschriften und Berichterstattungsanforderungen umfangreiche Umweltbeobachtungsstrukturen eingerichtet. Dank dieser Bemühungen sind unsere Kenntnisse und unser Verständnis der Umweltprobleme und -entwicklungen, einschließlich des Wassers, viel detaillierter und umfassender geworden. Damit sind wir jetzt in der Lage ganzheitlich zu analysieren, welche Faktoren zu Änderungen führen, was sich verändert und wie. Wir können effektive Maßnahmen vor Ort ermitteln und Netzwerke aufbauen, um diese Informationen auszutauschen.

Dieses Wissen wird bei der Gestaltung der künftigen EU-Strategien im Bereich Wasser eine wichtige Rolle spielen. Einige Schlüsselkomponenten der Wassergesetzgebung, darunter die Wasserrahmenrichtlinie und die Richtlinie über die Behandlung von kommunalem Abwasser, werden derzeit evaluiert und gegebenenfalls nachträglich geändert. Angesichts der lebenswichtigen Rolle des Wassers in allen Bereichen unseres Lebens wird uns ein ganzheitlicherer Politikansatz helfen, das zu schützen und zu erhalten, was unseren Planeten einzigartig macht: Wasser.

Hans Bruyninckx

Exekutivdirektor der EUA



 

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