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Editorial - Der Wert der Natur

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Article Veröffentlicht 17.05.2022 Zuletzt geändert 07.06.2022
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Der Verlust an Biodiversität und natürlichen Ökosystemen, den wir zur Zeit erleben, ist ebenso katastrophal wie der Klimawandel. Tatsächlich sind beide eng miteinander verknüpft, da der Klimawandel den Verlust an Biodiversität beschleunigt und gesunde Ökosysteme lebenswichtige Verbündete im Kampf gegen den Klimawandel sind.

Europas Biodiversität schwindet weiterhin in besorgniserregendem Tempo. Viele Arten, Lebensräume und Ökosysteme in Europa sind durch intensive Landwirtschaft, Zersiedelung, Verschmutzung, nicht nachhaltige Forstwirtschaft, invasive gebietsfremde Arten und den Klimawandel bedroht. Jüngste Untersuchungen durch die Europäische Umweltagentur zeigen, dass die meisten geschützten Arten und Lebensräume derzeit keinen guten Erhaltungszustand aufweisen.

Diese Verluste beschränken sich auch nicht auf Europa. Der Verlust an Biodiversität und der Ökosystemabbau sind ein globales Phänomen. Während wir einerseits diese Verluste beobachten und uns dafür einsetzen, sie zu verlangsamen, anzuhalten und schließlich umzukehren, müssen wir uns andererseits der Herausforderung stellen, den Wert der Natur zu verstehen und sogar zu messen. Das ist nicht nur hilfreich, wenn es darum geht, die richtigen persönlichen, geschäftlichen und politischen Entscheidungen zu treffen, sondern trägt auch dazu bei, dass wir unseren Platz als Mensch in der Natur besser verstehen. Was ist der Wert der Natur?

Für uns als Menschen ist die Natur von unschätzbarem Wert. Schließlich war es die Natur, die vor mindestens 300 000 Jahren die Grundbausteine und das notwendige Umfeld zur Verfügung gestellt hat, die die Entwicklung des Homo sapiens ermöglichten. Schauen wir auf die heutige Zeit, so können wir immer noch nicht ohne die Natur leben. Tatsächlich sind wir heute vielleicht stärker denn je von gesunden und widerstandsfähigen Ökosystemen abhängig, um auch langfristig das Wohlergehen der (noch) wachsenden Zahl von Erdenbürgern zu sichern.

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Unsere Atmosphäre, Wälder, Flüsse, Meere und Böden versorgen uns weiterhin mit der Luft, die wir atmen, den Nahrungsmitteln, die wir essen, dem Wasser, das wir trinken, den Rohstoffen, die wir verbrauchen, und auch mit den Orten, an denen wir unsere Freizeit verbringen und uns erholen. Das wird oft als der Gebrauchswert der Natur beschrieben. 

© Gabriella Motta, REDISCOVER Nature /EEA

In diesem Zusammenhang wurden Anstrengungen unternommen, diesem „Naturkapital“ einen Geldwert zuzuordnen, um die „Ökosystemleistungen“, die es für uns erbringt, in unsere bestehenden Wirtschaftsmodelle einordnen zu können. Tatsächlich heißt es in der EU-Biodiversitätsstrategie für 2030, dass mehr als die Hälfte des globalen Bruttoinlandsproduktes – etwa 40 Billionen Euro – von der Natur abhängt.

Das Bild ist allerdings komplex. Einige Ökosystemleistungen sind konkreter und relativ einfach zu quantifizieren, wie zum Beispiel Kulturpflanzen, Fischerei und Holz, andere Leistungen hingegen weniger. Wie lässt sich der Wert der Bestäubung für die Landwirtschaft oder der Hochwasserschutz durch Feuchtgebiete genau berechnen? Es ist von entscheidender Bedeutung, weniger sichtbare Ökosystemleistungen richtig zu verstehen und adäquat zu berücksichtigen.

Aber der Wert der Natur geht über die direkten Leistungen hinaus, die sie für uns erbringt. Natur hat auch einen kulturellen Wert; sie liefert die Grundlage für unsere menschliche Existenz und schafft die Voraussetzungen für eine gute körperliche und geistige Gesundheit sowie für emotionales und spirituelles Wohlbefinden.

Aber das ist noch nicht alles. Wenn wir den Gebrauchswert und den kulturellen Wert der Natur anerkennen, klingt das sehr egozentrisch und birgt die Gefahr, dass wir uns ausschließlich auf den Nutzen für uns als Menschen im Hier und Jetzt konzentrieren. Die Natur hat einen intrinsischen Wert aus sich selbst heraus, wobei die Rolle des Menschen auf die eines Hüters beschränkt ist, mit einer ethischen Verantwortung gegenüber der Natur selbst, unserer eigenen Gesellschaft und insbesondere zukünftigen Generationen.

Der dreigleisige Ansatz ist eine Möglichkeit, den Wert der Natur zu verstehen: den Gebrauchswert, den kulturellen Wert und den ideellen Wert.

Dennoch tendieren wir dazu, die Natur als gegeben hinzunehmen, sie als „kostenlose“ Ressource anzusehen, der wir nicht nur das entnehmen können, was wir brauchen, sondern auch das, was wir wollen. Deshalb ist es wichtiger denn je, den wahren Wert der Natur zu verstehen und anzuerkennen. So widersinnig es auch erscheinen mag, der Natur einen Geldwert beizumessen, so ist die Messung und Bilanzierung doch eine Möglichkeit, den direkten und indirekten Nutzen, den wir aus der Natur ziehen, zu erfassen. Dies kann uns auch dabei helfen, die besten Strategien auszuwählen, um der Umweltschädigung Einhalt zu gebieten, indem wir beispielsweise erkennen, dass es viel kostengünstiger ist, von Anfang an die Natur zu schützen, als sie später wiederherzustellen – falls Wiederherstellung überhaupt möglich ist.

Während uns die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen und die zunehmende Inanspruchnahme unserer natürlichen Umgebung immer stärker bewusst werden, müssen wir Wege finden, innerhalb der Möglichkeiten unseres Planeten zu leben. Technologischer Fortschritt und Bevölkerungswachstum, insbesondere im Verlauf der letzten 100 Jahre, haben dazu geführt, dass der Homo sapiens die Nahrungskette und die natürlichen Ressourcen dominiert. Der Schaden, den wir dabei angerichtet haben, beherrscht allmählich unsere Aussichten auf künftiges Wohlergehen.

Die Wiederherstellung der Natur – und, viel grundsätzlicher, die Wiederherstellung und Neuerfindung unserer Beziehung zu ihr – sind zentrale und akute Herausforderungen für die kommenden Jahrzehnte.

 

Hans Bruyninckx

Hans Bruyninckx
Exekutivdirektor der EUA

 

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