Interview — Energieeffizienz kommt allen zugute

Sprache ändern
Article Veröffentlicht 20.11.2017 Zuletzt geändert 20.11.2017
5 min read
Topics: , ,
Potenzielle Gewinne aufgrund der Verbesserung der Energieeffizienz sind sehr wichtig — nicht nur für die Einsparung von Energie und die Bekämpfung des Klimawandels, sondern auch im Hinblick auf den Beitrag zu einer Reihe weiterer Vorteile, darunter auch die Verbesserung der menschlichen Gesundheit und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Wir fragten Tim Farrell, leitender Berater beim Copenhagen Centre on Energy Efficiency, welcher Ansatz im Zusammenhang mit der Steigerung der Energieeffizienz die besten Ergebnisse bringt. Er hob hervor, dass gezielte politische Maßnahmen und ausreichende Ressourcen für die Umsetzung und Einhaltung zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren zählen.

©EEA

Weshalb sollten wir in Energieeffizienz investieren?

Energieeffizienz lässt sich so zusammenfassen: mehr Leistung und Dienstleistungen bei gleichem Energieeinsatz oder gleiche Leistung bei geringerem Energieeinsatz. So erzeugen wir mit LED-Glühbirnen dieselbe Helligkeit, doch verbrauchen diese rund 80 % weniger Energie und haben eine sehr viel längere Lebensdauer als herkömmliche Glühbirnen.

Mangelnde Energieeffizienz ist über die gesamte energiewirtschaftliche Wertschöpfungskette hinweg zu beobachten — von der Gewinnung, Umwandlung und Beförderung über die Übertragung bis zum Energieendverbrauch. Die Steigerung der Energieeffizienz von Gebäuden bewirkt nicht nur eine Verbesserung der Luftqualität und des Komforts im Haus, sondern bedeutet auch geringere Stromrechnungen, und sie fördert die Beschäftigung in Bereichen wie Bauwirtschaft, Wärmedämmung und Heiz- sowie Kühlsysteme. Auch im Verkehrssektor können zusätzliche Vorteile erzielt werden. Angesichts der erwarteten Verdreifachung der weltweiten Fahrzeugflotte bis 2050 erlassen viele Länder Normen für die Kraftstoffeinsparung, die die Abhängigkeit von Öl, die Treibhausgasemissionen und die Luftverschmutzung senken sollen.

Die rasante Zunahme von Elektroautos in den letzten Jahren wurde in manchen Ländern durch eine Reihe von ergänzenden Strategien und politischen Maßnahmen gefördert. So hat beispielsweise Norwegen seit den 1990er-Jahren eine lange Liste von präferierten politischen Maßnahmen für emissionsfreie Fahrzeuge erlassen und das Ziel vorgegeben, wonach alle im Land verkauften Autos bis 2025 Elektroautos sein müssen. Dieses Paket von politischen Maßnahmen hat die Erwartungen der Verbraucher und Anbieter geprägt, was 2016 dazu geführt hat, dass die Flotte der aufladbaren Elektrofahrzeuge Norwegens zur größten Pro-Kopf-Flotte der Welt wurde.

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Energie und nachhaltiger Entwicklung?

Verbesserungen der Energieeffizienz sind ebenfalls ein starker, jedoch häufig übersehener Antriebsfaktor für den Energiezugang, der für die 1 Milliarde Menschen, die noch immer keinen Zugang zur Stromversorgung besitzen, Anlass zu Optimismus gibt. So kann beispielsweise eine netzunabhängige Energieversorgung zusammen mit effizienten Geräten für ausreichende Mengen an sauberer Energie zu erschwinglichen Preisen sorgen und zugleich zur nachhaltigen Entwicklung beitragen. Eine Verknüpfung von Energieeffizienz mit Energiezugang und erneuerbaren Energien ist in der Tat notwendig, um Ziel 7 der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen zu erreichen, welches lautet, bis 2030 „Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und moderner Energie für alle zu sichern“. Energie gilt als entscheidend für die Erreichung fast aller Ziele für nachhaltige Entwicklung, angefangen bei ihrer Funktion zur Bekämpfung von Armut über Fortschritte im Gesundheits- und Bildungswesen, in der Wasserversorgung und Industrialisierung bis zur Bekämpfung des Klimawandels.

Gibt es ein Patentrezept für die Erreichung von Energieeffizienz?

Energieeffizienz stellt für Regierungen, den privaten Sektor und die Gemeinschaft eine kostenwirksame Möglichkeit dar, verschiedene Ziele zu erreichen — seien es Energieeinsparungen, Absenkung von Emissionen, finanzielle Einsparungen, Energieversorgungssicherheit, gesundheitliche Vorteile u.v.m. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es natürlich keine Patentlösung gibt, mit der für unterschiedliche Regionen, Länder oder Städte Energieeffizienz erreicht werden kann.

Es ist wichtig, ehrgeizige Ziele zu stecken, die unser Handeln leiten, institutionelle Rahmen und nationale Strategien festzulegen und wirksame Maßnahmenpakete zu schnüren, bei denen Vorschriften, Anreize sowie Instrumente für den Kapazitätsaufbau und Informationen miteinander verknüpft werden. Alle diese Aktivitäten müssen durch die Bereitstellung solider Daten, Durchsetzung, Überwachung und Bewertung begleitet werden.

Wo soll man ansetzen?

Sinnvollerweise sollten Maßnahmen vorrangig in den Sektoren eingeleitet werden, die das größte Potenzial für die Verbesserung der Energieeffizienz aufweisen. Der sektorenspezifische Energieverbrauch und der eingesetzte Brennstoffmix unterscheiden sich häufig erheblich. In einem Bereich, in dem ein signifikanter Anteil der Energie für industrielle Tätigkeiten eingesetzt wird, könnten die Behörden Maßnahmen wie die Förderung der Übernahme von Energiemanagementsystemen Vorrang einräumen. Alternativ dazu ist es in einem Bereich, in dem ein Großteil der Energie zum Beheizen und Kühlen ineffizienter Gebäude verwendet wird, sinnvoller, wenn die Regierung sich schwerpunktmäßig mit der Verbesserung der Leistungseffizienz der Bausubstanz vor Ort befasst und hierzu Bauordnungen und Energieausweise für Gebäude verwendet und die Entwicklung von Niedrigstenergiegebäuden fördert. In einem Ballungsgebiet, das ständig mit Verkehrsengpässen kämpft, könnten die Behörden vorrangig in den öffentlichen Nahverkehr investieren, etwa in Schnellbussysteme (Bus-Rapid-Transit-Systeme). Derzeit nutzen rund 35 Millionen Fahrgäste in 206 Städten weltweit solche Schnellbussysteme, die innovative, hochleistungsfähige Lösungen für den öffentlichen Personennahverkehr zu niedrigeren Kosten anbieten, die die städtische Mobilität verbessern und die Luftverschmutzung verringern.

Auch technologische Neuerungen im privaten Sektor spielen eine immer bedeutendere Rolle. Innovationsführer bei Neuerungen beispielsweise im Bereich Energielagerung, Konnektivität und intelligente Energiesysteme sind Unternehmen wie Tesla, Danfoss und Siemens u.v.m.

Wirken sich Energiepreise auf Energieeffizienz aus?

Der Preis ist ein sehr starker Anreiz für Verbraucher, ihren Energieverbrauch zu drosseln und zu einer höheren Effizienz überzugehen. Die Politik im Bereich Energieeffizienz gerät häufig ins Straucheln, wenn die Energiepreise subventioniert werden, weil die niedrigen Energiepreise die wirtschaftliche Rentabilität von Energieeffizienz beeinflussen. Es ist festzustellen, dass sich immer mehr Länder verpflichten, diese Subventionen zu reformieren, wobei einige Länder Möglichkeiten ausloten, die Subventionen von den Energieversorgern zu den Endverbrauchern zu verlagern.

Derzeit liegen viele technische Lösungen vor, die Sofortmaßnahmen ermöglichen, die die Energieeffizienz forcieren sollen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Einsatz von intelligenten Mess- und Abrechnungssystemen. Viele Verbraucher zahlen ihre Stromrechnung alle drei Monate und sind sich der Möglichkeiten, die Effizienz über einen Wechsel der Technologien oder eine Änderung ihrer Verhaltensmuster zu steigern, gar nicht bewusst. Verbrauchsinformationen für Endverbraucher können dazu beitragen, die Energienutzung zu verändern und die Energieeffizienz zu verbessern. Manche Länder stellen gezielte Analysen und Informationen auf ihren Stromrechnungen zur Verfügung, damit die Haushalte ihren Stromverbrauch mit ähnlichen Haushalten in den Ortsgemeinden vergleichen können. Andere Haushalte ziehen Echtzeitinformationen über Smartphones oder Inhome-Anzeigen, die den Hauseigentümern die Möglichkeit geben, ihre Vorgehensweise und ihr Verhalten zu ändern, bevor sie ihre Rechnung bekommen, vor.

Auch starke Nachfragesignale seitens der Verbraucher nach effizienten Kühlschränken und Klimaanlagen können Unternehmen dazu veranlassen, Neuerungen einzuführen und energieeffizientere Produkte anzubieten.

Wer muss einbezogen und informiert werden?

Energieeffizienz ist ein fragmentiertes Feld, an dem viele Interessengruppen beteiligt sind, u.a. Regierungen, der private Sektor, internationale Organisationen, Geldgeber und die Zivilgesellschaft. Alle interessierten Kreise müssen mithilfe von Daten und Informationen ermächtigt werden, fundierte Entscheidungen in Verbindung mit hochrangigen Zielen, politischen Maßnahmen, Programmen und Investitionen zu treffen.

Das Copenhagen Centre ist bestens dafür geeignet, eine zentrale koordinierende Rolle an gezielten hochkarätigen Standorten einzunehmen, und fördert die forcierte Durchführung von Maßnahmen zur Energieeffizienz auf globaler, nationaler und städtischer Ebene. Im Zusammenhang mit der Initiative des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Nachhaltige Energie für Alle fungieren wir als thematische Drehscheibe für Energieeffizienz. In diesem Zusammenhang haben wir u.a. zur Erschließung von Wissensquellen wie etwa der Initiative Regulierungsindikatoren für Nachhaltige Energie (RISE) der Weltbank beigetragen.

 Tim Farrell

Tim Farrell

Leitender Berater

Copenhagen Centre on Energy Efficiency, Teil der Partnerschaft zwischen dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und DTU

Verwandter Inhalt

Nachrichten und Artikel

Related infographics

Ähnliche Veröffentlichungen

Siehe auch

Geographic coverage

Temporal coverage

abgelegt unter:
Europäische Umweltagentur (EUA)
Kongens Nytorv 6
1050 Kopenhagen K
Dänemark
Telefon: +45 3336 7100