Interview — Anbau von Lebensmitteln oder Brennstoffen auf unserem Boden?

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Article Veröffentlicht 21.09.2017 Zuletzt geändert 28.09.2017
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Vor nur zehn Jahren wurde die Erzeugung von Biokraftstoffen aus Pflanzen als ökologische Alternative zu fossilen Brennstoffen bejubelt. Seit kurzem wird sie allerdings eher als Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion und als eine zur Senkung von Treibhausgasemissionen oder Luftschadstoffen nicht immer wirksame Lösung angesehen. Wir haben mit Irini Maltsoglou, Beauftragte für natürliche Ressourcen bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), über die Erzeugung von Biokraftstoffen und Landwirtschaft sowie über die Frage gesprochen, ob und wie dies nachhaltig geschehen kann.
© Allan Harris

© Allan Harris

Weshalb ist die Erzeugung von Biokraftstoffen in den letzten Jahren ein so kontrovers diskutiertes Thema?

Die Kehrseite von Biokraftstoffen ist generell die nicht nachhaltige landwirtschaftliche Produktion. Wie überall, wo Landwirtschaft betrieben wird, kann die Erzeugung von Biokraftstoffen negative Auswirkungen haben, wenn sie der Dorfgemeinschaft oder den Arbeitskräften vor Ort und auch dem ökologischen und sozialen Kontext nicht Rechnung trägt. Es ist insofern keine einfache Aussage, als wir wie bei jeder Form der landwirtschaftlichen Produktion auch genau hinsehen müssen, was derzeit produziert wird und wie Biokraftstoffe in diese lokale Produktion integriert werden könnten. Außerdem müssen wir das Potenzial der Erzeugung von Biokraftstoffen zur Bekämpfung von Armut und zur Stärkung der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region beurteilen.

In diesem Sinne können wir nicht sagen, dass die Erzeugung von Biokraftstoffen an sich etwas Schlechtes ist. Sie hängt stark davon ab, welche Anbaupraktiken angewandt werden und ob diese nachhaltig sind oder nicht. So würde sich beispielsweise die landwirtschaftliche Produktion auf Naturwaldflächen - für Biokraftstoffe oder andere Kulturen - sehr negativ auswirken, da dabei Flächen genutzt würden, die unberührt bleiben sollten. Demgegenüber könnte eine spezifische und nachhaltige Konstellation für Biokraftstoffe, bei der geeignete Flächen genutzt werden und versucht wird, die Bauern vor Ort mit einzubinden, der ortsansässigen Bevölkerung zugute kommen und neue wirtschaftliche Chancen eröffnen.

Konkurriert die Erzeugung von Biokraftstoffen mit der Lebensmittelproduktion, wenn es um Flächen und Wasserressourcen geht?

Mit dieser Dichotomie - Biokraftstoffe oder Lebensmittel - wird ein äußerst vielschichtiges Thema allzu sehr vereinfacht. Zunächst sind Biokraftstoffe sehr kontext- und länderspezifisch. Wir müssen uns den Länderkontext genauer ansehen, um herauszufinden, ob die spezifische Biokraftstofferzeugung in dieser konkreten Agrarlandschaft wirklich als rentabel angesehen werden kann. Ebenso müssen wir herausfinden, weshalb ein Land Biokraftstoffe erzeugt und was es damit erreichen möchte. Geht es darum, auf einem neuen Agrarmarkt Fuß zu fassen oder Treibhausgasemissionen zu senken? So könnten Biokraftstoffe beispielsweise in einem Land, in dem der Ertrag derzeit sehr gering ist und zusätzliche Investitionen zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität beitragen könnten, eine echte Option darstellen, wenn sie in das landwirtschaftliche Produktionssystem integriert werden.

Vor ein paar Jahren diskutierten Experten über den Zusammenhang zwischen Biokraftstoffen und dem Anstieg der Lebensmittelpreise. Dabei gab es keinen eindeutigen Konsens. Insgesamt waren sie sich darin einig, dass zahlreiche Faktoren zu den gestiegenen Lebensmittelpreisen beitrugen. Die Erzeugung von Biokraftstoffen war einer von vielen Faktoren, zusammen mit den rückläufigen Investitionen in die Landwirtschaft, einem Rückgang der Getreidebestände, Bevölkerungswachstum, Wirtschaftswachstum, Umstellungen in der Ernährungsweise usw. Hinsichtlich des Umfangs, in dem Biokraftstoffe dafür verantwortlich waren, konnten sie sich jedoch nicht einigen. Die Spanne der Faktoren war recht groß, wobei der Beitrag von Biokraftstoffen zum Preisanstieg mit 3 % bis zu 75 % veranschlagt wurde.

Sind Biokraftstoffe der zweiten Generation hinsichtlich Boden- und Wassernutzung effizienter?

Bislang ist nicht klar, ob Biokraftstoffe der zweiten Generation immer eine tragbare Lösung für dieses Problem darstellen. So dürften einige Biokraftstoffe der ersten Generation in bestimmten Zusammenhängen sehr viel sinnvoller sein. Die Technologie der zweiten Generation ist noch nicht ausgereift genug und befindet sich offenbar in einer Pilot- oder Experimentierphase. Aber auch mit Ausgangsstoffen und mit den technischen Voraussetzungen scheint es Probleme zu geben. Mit anderen Worten, wir wissen nicht, ob wir geeignete Feldfrüchte in ausreichender Menge produzieren können oder ob wir die richtige Technologie und genügend Produktionskapazitäten haben. Hinzu kommt, dass die Technologie der zweiten Generation noch immer sehr teuer ist.

Wir haben eine Reihe von Überschlagsrechnungen angestellt und die Option Zuckerrüben der ersten Generation mit der Option Miscanthus der zweiten Generation verglichen. Die Zahlen haben gezeigt, dass wir mit dem Anbau von Zuckerrüben (d. h. einem Biokraftstoff der ersten Generation) tatsächlich mehr Ethanol aus demselben Stück Land herausholen können als mit dem Anbau von Miscanthus (eine Quelle für Biokraftstoffe der zweiten Generation). Für Miscanthus würden wir auch mehr Wasser benötigen. Ebenso dürften wir auch mehr Elektrizität als Energieeintrag für die Erzeugung von Biokraftstoffen der zweiten Generation benötigen, auch wenn dies stark von der gewählten Technologie und den möglichen Rückkopplungsschleifen im System der zweiten Generation abhängt.

Dies sind Fragen, die von der landwirtschaftlichen Grunderzeugung abhängen. Haben Sie es mit einem Land zu tun, das für die Erzeugung von Zuckerrüben gut geeignet ist? Verfügen die Bauern über eine langjährige Erfahrung mit Zuckerrüben?  In diesem Fall wären Zuckerrüben die bessere Alternative, insbesondere dann, wenn wir den Reifegrad der verfügbaren Technologie in Betracht ziehen. Haben Sie es mit einem Land zu tun, in dem die Erzeugung von Biokraftstoffen der zweiten Generation eher zukunftsfähig ist? Wenn ja, dann könnte dies eine Möglichkeit sein. Doch zum jetzigen Zeitpunkt sind für den Aufbau eines Kraftwerks der zweiten Generation von Grund auf Investitionen in erheblichem Umfang erforderlich. Die Investitionen, die für eine Biokraftstoffanlage der zweiten Generation erforderlich sind, betragen das Vier- bis Fünffache des Betrags, der für eine Anlage der ersten Generation aufgewendet werden muss.

Können Biokraftstoffe zu einer sauberen Energiequelle für Europa werden?

Egal, wo in der Welt wir uns befinden – die Kernfrage lautet, ob Biokraftstoffe eine realistische und saubere Energieoption sein können. Dies hängt ganz stark davon ab, woher die Ausgangsmaterialien kommen, und ob die Produktion nachhaltig erfolgen kann. Verfügt das betreffende Land über die Agrarerzeugnisse für die Beschaffung der Biokraftstoffe? Halten die Landwirte Ausschau nach einem Absatzmarkt für ihre Agrarerzeugnisse? Welcher Zweck wird mit der Erzeugung von Biokraftstoffen verfolgt? 

In Europa wird die Ansicht vertreten, dass Biokraftstoffe sowohl Treibhausgasemissionen mindern als auch zur Diversifizierung der heimischen Energiequellen beitragen können. In diesem Fall stellt sich die Frage, ob diese Ziele mit der spezifischen Biokraftstoff-Versorgungskette erreicht werden können. Der nächste Schritt bestünde dann darin, festzulegen, ob die europäischen Länder über die Kapazität verfügen, die Ausgangsstoffe im Lande selbst herzustellen, oder ob sie diese von außerhalb Europas beziehen müssen. Wenn das vorrangige Ziel in einer Diversifizierung der heimischen Energiequellen und einer Verbesserung der Energieversorgungssicherheit besteht, dann müssten die Ausgangsmaterialien wahrscheinlich in Europa erzeugt werden. Liegt der Schwerpunkt eher auf einer Senkung der Treibhausgasemissionen, dann könnten sich die anderen Alternativen ebenfalls als machbar erweisen.

Welche Rolle spielt die FAO im Hinblick auf Biokraftstoffe?

Die FAO deckt derzeit ein breiteres Spektrum ab – sie arbeitet an Bioenergie. Bioenergie ist in unseren Augen eine Form von erneuerbarer Energie, die aus der Landwirtschaft stammt. Wenn uns die Länder um Unterstützung ersuchen, versuchen wir zunächst, den Hauptgrund herauszufinden, weshalb sie Bioenergie überhaupt in Betracht ziehen. Aus Gründen der Energiesicherheit? Oder versuchen sie, den Agrarsektor anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen? Es könnte aber auch sein, dass sie an einer nachhaltigen Herstellung von Holzkohle zum Kochen und Heizen interessiert sind. Werden Möglichkeiten der ländlichen Entwicklung oder der Elektrifizierung ländlicher Gebiete gesucht? Auf dem Lande ist der Zugang zu Stromnetzen in Entwicklungsländern häufig stark eingeschränkt, und die Nutzung landwirtschaftlicher Rückstände für die Stromerzeugung könnte dann, wenn diese Rückstände bislang nicht genutzt werden, eine sinnvolle Alternative darstellen.

Zusammen mit den Ländern legen wir dann die Optionen fest, die angesichts des länderspezifischen Kontextes und der spezifischen Anforderungen tragfähig sind. Wir brauchen umfangreiche Werkzeuge, um das Potenzial von Bioenergie zu bewerten, die sich auch auf den Agrarsektor erstrecken und somit auch die Nahrungsmittelsicherheit berücksichtigen. Mit Hilfe M dieser Werkzeuge unterstützen wir die Länder dabei, einen Fahrplan für Bioenergie aufzustellen und ihre technischen Voraussetzungen zu bewerten.

In den letzten Jahren haben wir landwirtschaftliche Rückstände und die Erzeugung von Bioenergie näher beleuchtet. Wir versuchen, uns landwirtschaftliche Rückstände anzusehen, die nachhaltig und ernährungssicher sind. Auch wenn es in den meisten Fällen ausdrücklich verboten ist, werden diese Rückstände sehr oft verbrannt, was wiederum zu Treibhausgasemissionen führt. Vor diesem Hintergrund würde der Aufbau von Bioenergie-Versorgungsketten rund um landwirtschaftliche Rückstände nicht nur die Treibhausgasemissionen reduzieren, sondern zugleich auch einen Teil des bestehenden Energiebedarfs decken. Im nächsten Jahr werden wir prüfen, wie diese Biomasse mobilisiert werden könnte. Landwirtschaftliche Rückstände sind häufig überall verstreut, und daher ist es ein schwieriges Unterfangen, sie zu sammeln. Neben Sammelstellen könnten wir auch die möglichen finanziellen Vorteile, die sich daraus für Landwirte ergeben, sowie den Betrag analysieren, den die Industrie für die Rückstände bezahlen könnte. Damit werden landwirtschaftliche Rückstände zu einer Ware, die zum Verbrennen zu wertvoll ist.


 Irini Maltsoglou

Irini Maltsoglou

Beauftragte für natürliche Ressourcen (Stellvertretende Leiterin Energieteam)

Abteilung Klima und Umwelt (CBC)

Abteilung Klima, Artenvielfalt, Boden und Wasser

Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO)

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