Global und lokal: sichere und bezahlbare Energie

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Article Veröffentlicht 20.11.2017 Zuletzt geändert 20.11.2017
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Energie ist eine Ware, die auf globalen Märkten gehandelt wird. Ein mangelnder Zugang zu erschwinglichen Energiequellen, Störungen der Energieflüsse, eine hohe Abhängigkeit von Importen und starke Preisschwankungen gelten allesamt als potenzielle Schwachpunkte, die sich auf die Wirtschaft und damit auf das wirtschaftliche und soziale Wohlbefinden der betroffenen Gemeinschaften auswirken. Kann eine Erhöhung der Kapazitäten an erneuerbaren Energien in Europa und auf der Welt die Spielregeln der globalen Energiepolitik verändern? Welchen Beitrag leistet die europäische Energieunion dazu?

©Yusuf Onur Cepheli, My City /EEA

Eine zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung ist für unsere Lebensqualität entscheidend. Viele der Waren und Dienstleistungen, die wir tagtäglich nutzen, sind mit dem Einsatz von Energie verbunden – eine selbst gekochte Mahlzeit, eine angenehme Zimmertemperatur in der Wohnung, heiße Duschen, Fernseh- und Radioprogramme, die Auslieferung von Paketen von im Internet bestellten Waren, Flüge, eine Busfahrt, ein Telefongespräch, ärztliche Eingriffe usw. Eine Unterbrechung der Energieversorgung kann viele Aktivitäten komplett zum Erliegen bringen.

Die Europäische Union (EU) führt derzeit etwas mehr als die Hälfte ihrer innergemeinschaftlich verbrauchten Energie ein, während ein kleinerer Anteil der in der EU erzeugten Energie exportiert wird. Trotz ihres rückläufigen Anteils am Gesamtenergiemix und der insgesamt sinkenden Nutzung sind fossile Brennstoffe weiterhin mit Abstand die wichtigste Energiequelle, mit der 2015 rund drei Viertel des Energieverbrauchs in der EU gedeckt wurden. Außerdem hat die Abhängigkeit der EU von der Einfuhr fossiler Brennstoffe zugenommen. 2005 wurden für jede in der EU erzeugte Tonne 2 Tonnen fossiler Brennstoffe eingeführt, während die EU 2015 für jede erzeugte Tonne 3 Tonnen fossiler Brennstoffe eingeführt hat.

Russland und Norwegen sind die beiden größten Rohöl- und Erdgasexporteure in die EU. 2015 lieferte Russland 29 % des importierten Rohöls und 37 % des eingeführten Erdgases, gefolgt von Norwegen mit 12 % bei Rohöl und 32 % bei Erdgas. Zwischen 2004 und 2015 wurde Russland außerdem zu einem bedeutenden Exporteur von festen Brennstoffen wie Kohle und Braunkohle und bestritt 2015 29 % der Importe, gefolgt von Kolumbien und den USA.

Die EU-Mitgliedstaaten unterscheiden sich erheblich voneinander, was das Ausmaß ihrer Abhängigkeit von Energieeinfuhren anbetrifft. Dänemark und Estland decken ihren Energiebedarf fast vollständig aus der inländischen Erzeugung, während Malta, Luxemburg und Zypern fast ihre gesamte Energie importieren. Die Importabhängigkeit könnte für einen einzelnen Mitgliedstaat wie auch für die EU insgesamt ein wirtschaftliches und geopolitisches Risiko darstellen. Die Auswirkungen einer Unterbrechung der internationalen Energieflüsse könnten weit über die Ausfuhr- und Einfuhrländer hinausreichen.

Wenn die Zufuhr unterbrochen wird

Wie viele andere Ressourcen sind auch Öl und Erdgas gehandelte Güter, die auf internationalen Märkten verkauft werden. Preisschwankungen sind Tag für Tag als Reaktionen auf Marktsignale, politische Aussagen oder sogar auf reine Spekulationen am Markt zu beobachten. In den letzten 70 Jahren schwankten die Rohölpreise stark und reichten von unter 20 USD bis zu über 150 USD pro Barrel ([1]). Einige dieser Schwankungen waren auf größere Preisschocks zurückzuführen, die durch politische Turbulenzen in den ölproduzierenden Regionen, auf Versorgungsengpässe auf globalen Märkten infolge begrenzter Produktionskapazitäten oder auf Störungen im Energiehandel ausgelöst worden waren.

Die Ukraine ist nicht nur Importeur, sondern auch ein wichtiges Energietransitland, das das in Russland und in den zentralasiatischen Republiken gewonnene Erdgas nach Ost- und Südosteuropa befördert. Am 1. Januar 2009 stellte Russland nach einem Preiskonflikt die Gaslieferungen in die Ukraine ein. Innerhalb weniger Tage meldeten Bulgarien, Griechenland, Ungarn, Polen, Rumänien und die Türkei Druckabfälle in den Leitungen. In Bulgarien mussten wichtige Fabrikanlagen die Produktion einstellen, während die Slowakei den Notstand ausrief. In diesem besonders strengen Winter 2009 konnten die Wohnungen und Häuser nicht mehr geheizt werden.

Durch die Kontrolle der auf globalen Märkten vorhandenen Energiemengen können große Energieerzeuger auch die Preise beeinflussen. So kletterten beispielsweise nach dem Jom-Kippur-Krieg in Nahost 1973-1974 die Rohölpreise innerhalb weniger Wochen von 20 USD auf über 50 USD ([2]). Diese „erste Ölkrise“ wurde u.a. durch eine Entscheidung einer Reihe erdölexportierender Staaten ausgelöst, die Ausfuhrpreise für Erdöl um 70 % zu erhöhen und die Ausfuhren in bestimmte Länder zu blockieren. Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft waren unmittelbar spürbar.

Angesichts des Ausmaßes der potenziellen sozioökonomischen Auswirkungen stellen eine hohe Importabhängigkeit bei den wichtigsten Rohstoffen (in manchen Fällen z.B. Öl, Gas und Elektrizität) und die Abhängigkeit von einer begrenzten Zahl von Versorgern in den Augen von Regierungen eine Schwachstelle dar. Hierzu haben viele Länder Maßnahmen ergriffen, um sich gegen Unterbrechungen zu wappnen, etwa durch Ausweitung ihrer Kapazitäten zur Lagerung von Energie oder durch Diversifizierung ihrer Quellen. Manche Länder haben zusätzlich in die Erzeugung erneuerbarer Energien auf ihrem Hoheitsgebiet investiert. Andere haben ihre Länder an grenzüberschreitende Energienetze und Stromnetze angeschlossen. Ebenso haben sich in manchen Ländern die Konsummuster und -gewohnheiten beim Energieverbrauch verändert. Manche Gemeinden mussten wieder wie früher Holz verbrennen, um ihre Wohnungen zu heizen, was sich wiederum auf die Luftqualität in diesen Dörfern ausgewirkt hat. In anderen Ländern wie z.B. Dänemark hat die Benzinknappheit der 1970er-Jahre die Öffentlichkeit dazu veranlasst, wieder häufiger Fahrrad zu fahren und die Behörden, dies durch ein gut ausgebautes  Radwegenetz zu unterstützen.

Der globale Energiebedarf wächst

Die Importabhängigkeit ist nicht das einzige Risiko in Verbindung mit der Energieversorgung. Energiearmut, die definiert ist als mangelnder Zugang zu ausreichenden Mengen an bezahlbarer Energie, ist ein weiteres Risiko. Die Ursache hierfür kann ein fehlender Anschluss an die wichtigsten Energienetze sein. Große Produktionsanlagen, die Arbeitsplätze für die Gemeinden vor Ort schaffen, hängen häufig vom Zugang zu einer kontinuierlichen Energieversorgung und zu Transportnetzen ab.

Es wird erwartet, dass der globale Energieverbrauch in den kommenden Jahrzehnten steigen wird. In ihrem Bericht World Energy Outlook 2016 vertritt die Internationale Energieagentur (IEA) die Auffassung, dass die globale Energienachfrage bis 2040 um 30 % zunimmt und sie geht auch von einem Anstieg des Verbrauchs aller modernen Brennstoffe aus. Die höchsten Wachstumsraten werden von den erneuerbaren Energien erwartet. Auch der Erdölverbrauch soll den Erwartungen zufolge zunehmen, allerdings langsamer als der von Erdgas. Währenddessen soll die Kohlenutzung, trotz ihrer rapiden Ausweitung in den letzten Jahren auslaufen. Die IEA weist außerdem darauf hin, dass 2040 Hunderte Millionen Menschen weltweit noch immer keinen Strom zu Hause haben oder für die Zubereitung ihrer Mahlzeiten auf Biomasse angewiesen sein werden. Das Wachstumsszenario der IEA weist aber auch auf eine geografische Verlagerung des Energiebedarfs in Schwellenländer und Länder hin, in denen eine rasche Verstädterung erfolgt, wie bspw. Asien, Afrika und Südamerika.

Suche nach Alternativen

Die wachsende Energienachfrage mobilisiert Länder und Energieversorgungsunternehmen gleichermaßen, sich nach alternativen Quellen umzusehen. Dabei könnte es sich um die Erschließung von Öl- und Gasvorkommen in Gegenden und Regionen handeln, die bis vor kurzem unberührt oder ungenutzt waren, wie die Arktis oder Teersande in Kanada. Es könnte aber auch mit neuen Technologien verbunden sein (etwa diejenigen zur Förderung von Schieferöl und Gas), um bekannte Vorkommen abzubauen, die bislang nicht erreichbar und damit auch nicht profitabel waren. Der Rückgang der Ölförderung im Mittleren Osten könnte durch eine Zunahme der Schieferölgewinnung in den USA ausgeglichen werden. Die Exploration und Förderung kann Umweltverschmutzung, Ölteppiche und andere Umweltschäden verursachen und zwar nicht nur am Förderort, sondern auch entlang der Transportwege.

Ebenso könnten durch das potenzielle Wachstum des Energiebedarfs Investitionen in saubere erneuerbare Energien angekurbelt werden. China, eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, hat seinen wachsenden Energiebedarf weitgehend durch Investitionen in Großstaudämme und Kohlekraftwerke gedeckt. Doch im Januar 2017 gab das nationale chinesische Energieministerium bekannt, dass die Pläne für über 100 Kohlekraftwerke abgesagt wurden. Diese Absagen kommen zu den 2016 angekündigten Planrücknahmen, die für bereits im Bau befindliche Kraftwerke bekannt gemacht wurden, noch hinzu. Offenbar wurde die Entscheidung über die Abkehr von Kohle durch die wachsenden Bedenken der Öffentlichkeit hinsichtlich der schlechten Luftqualität und die Nutzung erneuerbarer Energien, die schneller gekommen ist als erwartet, erleichtert. Eine solche Entscheidung führt nicht nur zu Verbesserungen der Luftqualität, sondern unterstützt auch die Bemühungen, den Klimawandel zu begrenzen.

Erschließung des Potenzials erneuerbarer Energien

Wenn es um die Frage einer sicheren, ununterbrochenen Versorgung mit bezahlbarer Energie geht, muss hinterfragt werden, wie viel Energie verfügbar ist und wer sie zur Verfügung stellt. Im Hinblick auf die ökologischen Auswirkungen und die Importabhängigkeit lautet die beste Alternative wohl, sich auf lokale und erneuerbare Energiequellen zu verlassen. Darüber hinaus ist Energieeffizienz — die im weitesten Sinne als eine bessere Nutzung der verfügbaren Brennstoffe definiert werden kann — von entscheidender Bedeutung.

Die Kapazitäten für die Energieerzeugung sind von Region zu Region und von Land zu Land sehr unterschiedlich. Je nach Standort, den Bodenschätzen, der Topografie und den verfügbaren Technologien können Länder und Regionen ihre Energiequellen optimieren. Manche Länder besitzen vielleicht ein höheres Potenzial für die Solarstromerzeugung, während andere möglicherweise stärker auf Windenergie, Wasserkraft, Gezeitenenergie oder lokale Biomasse setzen.

Eine Kombination aus mehreren Quellen ist einer der Schlüssel für eine kontinuierliche Energieversorgung bis es möglich ist, saubere, erneuerbare Energie in ausreichenden Mengen zu lagern und zu transportieren, damit sie zu einem späteren Zeitpunkt und überall genutzt werden kann. Befürchtungen hinsichtlich der Versorgungssicherheit können sogar diejenigen Länder, die Energie exportieren dazu veranlassen, in lokale erneuerbare Energiequellen zu investieren.

Wenn die derzeitigen Förderquoten gleich bleiben, werden die bekannten Vorräte an konventionellen fossilen Brennstoffen innerhalb weniger Jahrzehnte erschöpft sein. Der Energiebedarf wird weiter bestehen bleiben, auch nach dem Ausschöpfen dieser Reserven. Vor diesem Hintergrund gibt es zwei grundlegende Ansätze um festzulegen, wie der künftige Energiebedarf gedeckt werden kann. Beim ersten Ansatz könnten sich Energieerzeuger dafür entscheiden, andere Formen fossiler Brennstoffe zu erschließen und zu gewinnen, etwa Teersande oder Schiefergas, oder sie könnten ihre Aktivitäten auf neue Regionen ausweiten, die bislang relativ ungenutzt waren. Der zweite Ansatz könnte dazu beitragen, den künftigen Bedarf ausschließlich über Nutzung erneuerbarer Energien zu decken, die bestehende Infrastruktur entsprechend zu ersetzen und Reserven an fossilen Energieträgern unangetastet im Boden zu belassen.

Manche Länder einschließlich der USA haben sich dafür entschieden, Schieferöl und Teersande zu erschließen, während sich andere, einschließlich einiger von Kohle und Erdöl abhängiger Länder wie Saudi-Arabien und China, seit kurzem für erneuerbare Energien interessieren und sich dazu bekennen. Saudi-Arabien - der größte Rohölproduzent und -exporteur der Welt - ist Solar- und Windenergie gegenüber gleichermaßen aufgeschlossen. So hat Saudi-Arabien im Februar 2017 im Rahmen seines Vorstoßes im Bereich erneuerbare Energien angekündigt, bis 2023 Investitionen in Höhe von 50 Mrd. USD für den Kapazitätsaufbau von Solar- und Windkraftanlagen mit einer Leistung von 700 Megawatt zu tätigen.

Planung mit Blick auf langfristige Vorteile

Die Wahl der Brennstoffart richtet sich allerdings nicht immer nach der Topografie, den Märkten oder der weltweiten Nachfrage. Maßgeblich für Entscheidungen dieser Art können auch Arbeitsplätze und letztlich das wirtschaftliche Wohl der betroffenen Gemeinschaften sein. Die Wirtschaft mancher Länder und Regionen kann durchaus stark auf eine vor Ort reichlich vorhandene Brennstoffart wie etwa Kohle oder Öl ausgerichtet sein. Eine Diversifizierung des Energiemix und ein Umstieg auf erneuerbare Energien könnten sich auf die lokale Wirtschaft auswirken und ganz konkret mit einem Verlust von Arbeitsplätzen einhergehen. Vor diesem Hintergrund ist es für einen erfolgreichen Umstieg häufig notwendig, dass der gesellschaftliche Kontext verstanden und den Arbeitskräften vor Ort alternative Erwerbsmöglichkeiten angeboten werden.

In diesem Zusammenhang kann sich die Exportabhängigkeit genauso als Schwäche erweisen wie die Importabhängigkeit. Was, wenn Ihr Land in eine Energiequelle ohne Zukunft investiert hat und weiter darin investiert? Was, wenn die Wirtschaft stark auf Energieexporte angewiesen ist, die Käufer jedoch umweltfreundlichere Alternativen bevorzugen? Die Diversifizierung von Energiequellen und Investitionen in erneuerbare Energien ist für die wirtschaftliche Zukunft eines Landes gleichermaßen wichtig und notwendig.

Besser vernetzte Energienetze und Märkte innerhalb der EU können tatsächlich dazu beitragen, die Vielfalt der Energiequellen zu erhöhen und den Zugang zu umwelfreundlicherer Energie zu erleichtern sowie zugleich eine zuverlässige Versorgung sicherzustellen. Sie können sogar in gewissem Maße als Puffer für weltweite Energiekrisen und heftige Preisschwankungen fungieren. Sinnvoll sind dafür aber auch verstärkt dezentrale Stromerzeugungskapazitäten (z.B. Solarmodule auf Dächern zur Einspeisung in das Stromnetz) und eine bessere Steuerung von Angebot und Nachfrage (z.B. über intelligente Stromzähler). Die Strategie der europäische Energieunion befasst sich u.a. genau mit diesen Kernfragen, etwa Energieversorgungssicherheit und Energieeffizienz und sie möchte die Verbraucher auf einem vollständig integrierten Energiemarkt stärker in den Vordergrund rücken und für eine gleichmäßige Versorgung mit klimafreundlicher Energie zu erschwinglichen Preisen für alle Energieverbraucher sorgen.



([1])            West Texas Intermediate in realen Preisen, 2015.

([2])            West Texas Intermediate in realen Preisen, 2015.

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