Energie und Klimawandel

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Article Veröffentlicht 25.09.2017 Zuletzt geändert 28.09.2017
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Entschärfung und Anpassung an den Klimawandel sind wichtige Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. All diese Herausforderungen drehen sich um die Frage der Energie - genauer gesagt, um unseren Gesamtenergieverbrauch und unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Wenn die Begrenzung der Erderwärmung gelingen soll, muss die Welt Energie unbedingt effizient nutzen und auch saubere Energiequellen einsetzen, um Dinge in Bewegung zu bringen, zu heizen und zu kühlen. Die Politik der Europäischen Union spielt bei der Förderung dieser Energiewende eine wichtige Rolle.

©Cometbg, Flickr

Das Erdklima ist im Wandel begriffen, was die Ökosysteme, die menschliche Gesundheit und die Wirtschaft zunehmend großen Gefahren aussetzt. Das vor kurzem erschienene Gutachten der EUA zum Thema „Climate change, impacts and vulnerability in Europe 2016“ macht deutlich, dass auch verschiedene Regionen Europas bereits von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind; dazu gehören u. a. steigende Meeresspiegel, immer mehr extreme Wettererscheinungen,  Hochwasser, Trockenperioden und Stürme.

Diese Veränderungen treten auf, weil aufgrund menschlicher Tätigkeiten rund um den Globus, darunter insbesondere die Verbrennung fossiler Brennstoffe für Stromgewinnung, Heizung und Transport, gewaltige Mengen an Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre freigesetzt werden. Bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe werden aber auch Luftschadstoffe freigesetzt, die für die Umwelt und die menschliche Gesundheit schädlich sind.

Die Energienutzung stellt weltweit die mit Abstand größte Quelle der durch menschliche Tätigkeiten hervorgerufenen Treibhausgasemissionen dar. Rund zwei Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen entstehen im Zusammenhang mit der Verbrennung von fossilen Brennstoffen zur Energiegewinnung zum Heizen, zur Stromerzeugung, für Verkehr und Industrie. Auch in Europa sind die energiewirtschaftlichen Prozesse die größten Verursacher von Treibhausgasemissionen; sie waren 2015 für 78 % der Gesamtemissionen in der EU verantwortlich.

Unsere Nutzung und Erzeugung von Energie hat massive Auswirkungen auf das Klima, und das Gleiche gilt umgekehrt ebenfalls in zunehmendem Maße. Der Klimawandel kann unser Energieerzeugungspotenzial und unseren Energiebedarf verändern. So wirken sich beispielsweise Veränderungen des Wasserkreislaufs auf die Wasserkraft aus, und bei wärmeren Temperaturen steigt der Energiebedarf im Sommer für die Klimatisierung, während der Heizbedarf im Winter sinkt.

Weltweite und europäische Verpflichtung zum Handeln

Bislang gipfelten die weltweiten Bemühungen zur Entschärfung des Klimawandels im Abkommen von Paris aus dem Jahr 2015. Über dieses Abkommen haben 195 Länder erstmals ein weltweites, rechtlich verbindliches globales Klimaschutzabkommen geschlossen. Das Ziel des Abkommens - den globalen Anstieg der Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 °C zu begrenzen, wenn möglich sogar auf nur 1,5 °C - ist ehrgeizig.  Ohne eine umfassende Reform unserer globalen Energieproduktion und unseres Energieverbrauchs können wir es nicht erreichen.

Zur Unterstützung der Aufgaben globaler Klimapolitik hat die EU verbindliche Klimaschutz- und Energieziele für 2020 festgelegt und für 2030 Ziele im Rahmen ihrer allgemeinen Bemühungen zur Umstellung auf eine emissionsarme Wirtschaft und zur Verringerung der Treibhausgasemissionen um 80 % bis 95 % bis 2050 vorgeschlagen. Zu den ersten Klimaschutz- und Energiezielvorgaben für 2020 gehört eine Senkung der Treibhausgasemissionen um 20 % (gegenüber den Emissionswerten der 1990er-Jahre), bei der 20 % des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Energieträgern stammen sollen und die Energieeffizienz um 20 % verbessert werden soll. Auf der Grundlage der derzeit bei den EU-Einrichtungen erörterten Vorschläge werden diese Zielvorgaben für den nächsten Meilenstein 2030 auf eine Senkung der Treibhausgasemissionen auf 40 % heraufgesetzt, wobei  27 % aus erneuerbaren Energieträgern stammen sollen und die Energieeffizienz um 27 % (oder sogar um 30 %, wie kürzlich von der Europäischen Kommission vorgeschlagen) gegenüber dem Ausgangswert verbessert werden soll.

Senkung der Gesamtemissionen

Die zur Erreichung dieser Ziele erlassenen Maßnahmen tragen zu einer Reduzierung der Treibhausgasemissionen in Europa bei. 2015 lagen die Treibhausgasemissionen der EU um 22 % unter den Werten der 1990er-Jahre. Mit Ausnahme des Verkehrssektors und der Bereiche Kühl- und Kältetechnik waren sie in allen wichtigen Bereichen rückläufig. In diesem Zeitraum verteilte sich der größte Teil der Emissionsminderungen zu nahezu gleichen Teilen auf die Bereiche Industrie und Energieversorgung.

Den aktuellen Gutachten der EUA zu Treibhausgasemissionen und Energie (Trends and projections in Europe 2016) zufolge ist die EU insgesamt auf gutem Wege, ihre Ziele für 2020 zu erreichen. Es wird erwartet, dass das Tempo der Verringerungen nach 2020 nachlässt, und es bedarf weiterer Anstrengungen zur Erreichung der langfristigen Ziele. So hat sich insbesondere eine Senkung der Gesamtemissionen im Verkehrssektor in der EU trotz der verbesserten Kraftstoffeffizienz von Pkws und der steigenden Nutzung von Biokraftstoffen als ziemlich schwierig erwiesen. Von einigen technologischen Lösungen, etwa Biokraftstoffen der zweiten Generation und der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung, wird ein Beitrag zu den Klimaschutzbemühungen insgesamt erwartet, .Es ist jedoch unklar, ob diese in dem notwendigen Ausmaß umgesetzt werden können und ob sie langfristig tragbar und wirklich nachhaltig sind.

Entscheidung zur Lastenverteilung und EU-Emissionshandelssystem

Im Hinblick auf Senkungen der Treibhausgasemissionen ist einer der Eckpunkte der Bemühungen der Europäischen Union die Lastenteilungsentscheidung, mit der verbindliche jährliche Zielvorgaben für Treibhausgasemissionen für alle EU-Mitgliedstaaten für das Jahr 2020 festgelegt wurden. Die Entscheidung erstreckt sich auf Bereiche wie Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft und Abfall, die für rund 55 % der Gesamtemissionen in der EU verantwortlich sind. Die einzelstaatlichen Zielvorgaben für die Emissionen wurden aufgrund des jeweiligen Wohlstands der Mitgliedstaaten festgelegt, was bedeutet, dass reichere Länder ihren Ausstoß stärker senken müssen als andere, während einige Länder ihre Emissionen in den betroffenen Bereichen erhöhen dürfen. Die nationalen Zielvorgaben sehen bis 2020 eine gemeinsame Senkung der Gesamtemissionen in der EU in den Bereichen, die in der Entscheidung geregelt sind, um rund 10 % gegenüber den Werten von 2005 vor.

Die verbleibenden 45 % der Emissionen in der EU (hauptsächlich aus Kraftwerken und Industrieanlagen) sind im  EU-Emissionshandelssystem (EU-EHS) geregelt. Im EU-EHS ist eine Obergrenze für die Gesamtmenge an Treibhausgasen festgelegt, die von mehr als 11.000 Anlagen ausgestoßen werden, die in 31 Ländern große Energieverbraucher sind ([1]). Das System umfasst aber auch Emissionen von Fluggesellschaften, die einen Flugverkehr zwischen diesen Ländern betreiben.

Im Rahmen des Systems erhalten oder kaufen Unternehmen Emissionszertifikate, mit denen sie mit anderen handeln können. Unternehmen, die ihre Emissionsquote überschreiten, müssen mit hohen Geldstrafen rechnen. Die systemweite Deckelung wird im Laufe der Zeit gesenkt, so dass die Gesamtemissionen zurückgehen. Durch die monetäre Bewertung von Kohlenstoff schafft das EU-EHS Anreize für Unternehmen, um die kostengünstigsten Emissionsminderungen herauszufinden und in saubere, emissionsarme Technologien zu investieren.

Die Europäische Umweltagentur überwacht die Fortschritte bei der Senkung der Treibhausgasemissionen, die unter das EU-EHS fallen. Den neuesten Daten und Gutachten zufolge sind diese Emissionen zwischen 2005 und 2015 um 24 % gesunken und liegen damit bereits unter der für 2020 festgelegten Obergrenze. Der Rückgang ist hauptsächlich auf den Einsatz von weniger Braun- und Steinkohle als Brennstoff und mehr erneuerbare Energien für die Stromerzeugung zurückzuführen. Emissionen aus anderen Industrietätigkeiten, die durch das EU-EHS geregelt sind, sind seit 2005 ebenfalls zurückgegangen, in den letzten Jahren jedoch stabil geblieben.

Die Europäische Kommission hat vor kurzem vorgeschlagen, das Tempo der Emissionsminderungen ab 2021 zu erhöhen, damit bis 2030 die durch das EU-EHS geregelten Wirtschaftszweige ihre Emissionen gegenüber 2005 um 43 % senken. Auf lange Sicht können die EU-Mitgliedstaaten über die Ziele für 2030 hinaus die Treibhausgasemissionen in den in der Lastenteilungsentscheidung geregelten Bereichen noch stärker senken. Ohne beträchtliche Anstrengungen in diesen Bereichen würde die EU ihr Ziel für 2050, die Emissionen auf 80 % unter den Wert der 1990er-Jahre zu senken, nicht erreichen.

Gezielter Ansatz für die einzelnen Wirtschaftszweige und langfristige Kohärenz

Die Anstrengungen der EU zur Emissionsminderung in Verbindung mit der Lastenteilungsentscheidung und dem EU-EHS werden von einer Vielfalt politischenr Maßnahmen und langfristig angelegtenr Strategien unterstützt. So kann beispielsweise eine geänderte Bodennutzung, wie Abholzung oder Wiederaufforstung, ebenfalls den Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre beeinflussen. Hierzu hat die Europäische Kommission im Juli 2016 einen Gesetzesvorschlag vorgelegt, .Danach sollen Treibhausgasemissionen und der Abbau solcher Gase in der Atmosphäre durch Flächennutzung, Flächennutzungsänderungen und Forstwirtschaft in den Rahmen für die Klima- und Energiepolitik der EU bis 2030 aufgenommen werden.

Ebenso gestaltet sich eine Senkung der Emissionen im Verkehrssektor aufgrund der steigenden Verkehrsnachfrage ziemlich schwierig. Vor diesem Hintergrund hat die EU verschiedene Maßnahmenpakete für den Verkehr vorgeschlagen, darunter auch eine Europäische Strategie für emissionsarme Mobilität und Initiativen wie „Europa in Bewegung“. Aber auch andere Herausforderungen, etwa die Steigerung der Energieeffizienz in Gebäuden oder erneuerbare Energie, wurden in letzter Zeit durch ein Gesamtpaket gestärkt, das im November 2016 vorgeschlagen wurde.

Die langfristigen Klimaschutzziele der EU sind in umfassendere politische Rahmen eingebettet und werden durch diese gefördert, etwa die Strategie für die Energieunion, die auf eine dauerhafte politische Kohärenz abzielt. Ohne eine klare politische Vision und ein dauerhaft starkes politisches Engagement würden Investoren, Erzeuger und Verbraucher Lösungen, die sie möglicherweise für risikobehaftete Investitionen halten, zögerlich gegenüberstehen.

Investitionsentscheidungen prägen die Zukunft

Im Wesentlichen können Treibhausgasemissionen in Verbindung mit Energie auf zweierlei Art und Weise gesenkt werden: entweder durch eine Entscheidung zugunsten umweltfreundlicherer Energieträger, etwa durch den Ersatz fossiler Brennstoffe durch nicht brennbare regenerative Energiequellen, und/oder durch Senkung des gesamten Energieverbrauchs durch Energieeinsparungen und eine gesteigerte Energieeffizienz, beispielsweise durch eine bessere Wärmedämmung von Häusern oder die Nutzung umweltfreundlicherer Verkehrsträger.

Dieser Umstieg muss allerdings sehr bald geschehen, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden, und zwar lange, bevor die Vorkommen fossiler Brennstoffe erschöpft sind. Je mehr Treibhausgase wir in die Atmosphäre freisetzen, desto weniger können wir die schädlichen Auswirkungen des Klimawandels begrenzen.

Angesichts der Dringlichkeit der anstehenden Aufgabe lautet die Frage also, ob wir weiterhin in Energie aus nicht-fossilen Quellen investieren und zu investieren planen oder nicht. Politische Entscheidungen, eine Energiequelle zu subventionieren, können Investitionsentscheidungen beeinflussen. Diesbezüglich sind Subventionen und steuerliche Anreize für den Ausbau der Erzeugung von erneuerbarer Energie aus Solar- und Windenergie maßgebend. Dies gilt auch für Investitionen in fossile Brennstoffe, die in vielen Ländern weiterhin subventioniert werden.

In den letzten Jahren haben viele Investoren ihre Desinvestitionsentscheidungen - also die Entscheidung, ihre Investitionen aus Aktivitäten in Verbindung mit fossilen Brennstoffen abzuziehen  - angekündigt. Einige dieser Ankündigungen gingen auf ethische Bedenken zurück, während andere Anleger wiederum bezweifelten, dass diese Investitionen unternehmerisch sinnvoll seien, wenn die Gesamtmenge an Treibhausgasen, die freigesetzt werden könnte, gedeckelt wird (häufig als „Kohlenstoffbilanz“ bezeichnet) mit dem Ziel, die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 2 °C zu beschränken.

Stromerzeugung setzt häufig hohe Investitionen voraus. V Von einem Kraftwerk wird erwartet, dass es nach seiner Inbetriebnahme jahrzehntelang in Betrieb bleibt. Die derzeitigen und geplanten Investitionen in konventionelle, umweltbelastende Technologien können den Umstieg auf saubere Energiequellen tatsächlich verlangsamen. Solche Investitionsentscheidungen können Energieoptionen und Ressourcen für Jahrzehnte blockieren und dazu führen, dass neue Lösungen nur unter Vorbehalt gewählt werden.

Um auf dieses Risiko aufmerksam zu machen, hat die EUA die bestehenden und geplanten Kraftwerke in Europa, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, analysiert. Die Analyse ergibt, dass die EU über weit mehr Stromerzeugungskapazität auf Basis fossiler Brennstoffe verfügen wird, als sie benötigt, wenn wir den Lebenszyklus bestehender Kraftwerke verlängern und in den nächsten Jahrzehnten neue Kraftwerke, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, bauen. Mit anderen Worten, wenn die EU ihre Klimaschutzziele erreichen möchte, müssen einige dieser Kraftwerke stillgelegt werden.

Ähnliche Gefahren einer Abhängigkeit bestehen beispielsweise im Verkehrswesen, wo unsere Mobilität in hohem Maße von den mit fossilen Brennstoffen betriebenen Verbrennungsmotoren abhängt, was mit weiteren Investitionen in die traditionelle Straßenverkehrsinfrastruktur verbunden ist. Zusammengenommen behindern diese einen Umstieg auf nachhaltigere Verkehrsträger, die dringend erforderlich sind, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, die Luftverschmutzung und Lärmbelästigung zu reduzieren und letztlich die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.

Die Auseinandersetzung mit dem Dilemma von Energie und Klima ist alles andere als einfach, doch gibt es zahlreiche vielversprechende Neuerungen, die bereits konkret Gestalt annehmen. In einem vor kurzem erschienenen Bericht mit dem Titel „Sustainability transitions: Now for the long term“ der EUA und des Europäischen Umweltinformations- und Umweltbeobachtungsnetzes (EIONET) werden einige der Neuerungen in verschiedenen Bereichen präsentiert, die alle das Potenzial besitzen, energiebedingte Treibhausgasemissionen zu verringern. Die Verringerung von Lebensmittelabfällen, die Gestaltung städtischer Grünflächen, bessere Lieferketten und ein solarbetriebener Luftverkehr sind vielleicht nur kleine Teilchen eines großen Puzzles, doch zusammengenommen zeigen sie, wie innovative Technologien und Praktiken entstehen und den Weg für eine grundlegende Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit ebnen können.



([1])            EU-28, Island, Liechtenstein und Norwegen.

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