Auf dem Weg zu einer sauberen und intelligenten Mobilität

Sprache ändern
Article Veröffentlicht 29.09.2016 Zuletzt geändert 30.09.2016 16:39
Transport verbindet Menschen, Kulturen, Städte, Länder und Kontinente. Er ist eine der Hauptsäulen moderner Gesellschaften und Ökonomien, die es Herstellern erlaubt, ihre Produkte weltweit zu vermarkten, und Reisenden neue Ziele eröffnet. Transportnetze sichern auch den Zugang zu wichtigen öffentlichen Dienstleistungen, beispielsweise im Bereich Bildung und Gesundheit, und tragen zu einer höheren Lebensqualität bei. Der Anschluss an Transportmöglichkeiten fördert die Wirtschaft in entlegenen Regionen. Dies schafft Arbeitsplätze und trägt zur Ausbreitung von Wohlstand bei.

 Image © Robert Photography

Der Transport hat auch entscheidenden Einfluss auf unseren Lebensstil: Unsere Lebensmittel, Kleider und unser Hausmüll müssen transportiert werden. Der Transport entscheidet, welche Produkte angeboten werden und welche wir konsumieren. Und wir nutzen Transportsysteme auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule, ins Theater und in den Urlaub. Verkehrsverbindungen mit Hochgeschwindigkeitszügen machen Pendlern lange, tägliche Anfahrten möglich, so dass Menschen hunderte Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt leben können.

Es gibt jedoch eine Kehrseite unseres modernen Transportmodells. Der Transportsektor hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit. Der Transport ist verantwortlich für ein Viertel der in der EU emittierten Treibhausgase (THG) und verursacht Luftverschmutzung, Lärmbelastung und Zersplitterung von Lebensräumen. Konkret gesprochen, handelt es sich um den einzigen wichtigen Wirtschaftszweig in Europa, in dem sich der THG-Ausstoß seit 1990 erhöht hat und der zudem den größten Beitrag zur Emission von Stickoxiden leistet, die schädlich für Umwelt und Gesundheit sind. Darüber hinaus ist der Transport auf der Straße eine der Hauptursachen für Lärmbelastung in Europa.

Die Transportnachfrage wird weiter zunehmen

Der Transportbedarf in Europa ist heute deutlich höher als im Jahr 2000, und es ist zu erwarten, dass er weiter wächst. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission wird – verglichen mit dem Stand im Jahr 2013 – der Personenverkehr bis 2050 um mehr als 50 % und der Güterverkehr um bis zu 80 % zunehmen.

Doch dies sind nicht die einzigen Herausforderungen. Der Transport in Europa hängt stark vom Öl ab. Der Verbrauch von Öl bewirkt nicht nur die Freisetzung von THG und Luftschadstoffen in die Atmosphäre und trägt zum Klimawandel bei, sondern er macht die europäische Wirtschaft auch anfällig gegenüber Schwankungen bei der globalen Energieversorgung sowie den Energiepreisen.

Darüber hinaus wird – angesichts der zentralen Bedeutung des Transports für unsere Wirtschaft und Lebensqualität – der Vorbereitung der Transportinfrastruktur in Europa für die Herausforderungen durch den Klimawandel nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet. Ist die Schienen- und Straßeninfrastruktur in Europa auf höhere Temperaturen eingerichtet? Die Unterbrechung von Transportleistungen – durch Vulkanasche in der Luft, überflutete Straßen oder beschädigte Gleise infolge extremer Witterung – können weit über die betroffenen Gebiete hinaus ernsthafte Folgen für Reisende, Tagespendler und Unternehmen haben.

Außerdem muss das Transportsystem an die sich wandelnde Demografie in Europa angepasst werden. Wie kann sich der öffentliche Transport auf die Mobilitätsbedürfnisse einer zunehmend älteren Bevölkerung einstellen?

Technologische Verbesserungen reichen nicht aus

In den vergangenen Jahren sind die in Europa verkauften Personenkraftwagen (PKW) und leichten Nutzfahrzeuge immer energiesparender geworden. Pro gefahrenem Kilometer verbrauchen sie weniger Kraftstoff und setzen weniger Luftschadstoffe frei als ältere Modelle. Striktere Vorschriften haben zu diesen Fortschritten beigetragen. Die Anzahl der Fahrzeuge auf den Straßen und die zurückgelegten Entfernungen nehmen jedoch weiterhin zu. Ebenso wurden Flugzeugtriebwerke effizienter, aber es werden mehr Passagiere über weitere Strecken befördert.

Die schrittweise Effizienzsteigerung durch technologische Verbesserungen wird allerdings an der Abhängigkeit des Sektors von fossilen Brennstoffen und deren Auswirkungen auf die Umwelt nichts ändern. Sogar mit den in jüngerer Zeit effizienzoptimierten Automotoren wird nur ein Viertel des verbrannten Kraftstoffs für den Antrieb des Fahrzeugs verwendet. Der Rest geht in Form von Wärme oder durch mechanische Ineffizienz verloren oder wird für Zubehör verwendet. Darüber hinaus werden die aktuellen Verbesserungen in den offiziellen Statistiken zur Kraftstoffeffizienz in Zweifel gezogen. Es bestehen nämlich deutliche Diskrepanzen zwischen dem Kraftstoffverbrauch in realen Fahrsituationen einerseits und unter Testbedingungen im Labor andererseits.

Letztlich stellen nicht nur Autos, Flugzeuge, Straßen, Schiffe oder Kraftstoffe – also die verschiedenen Komponenten des Transportsystems – das Problem dar, sondern auch die Notwendigkeit, Menschen und Güter einfach, sicher und effizient von Ort zu Ort zu befördern. Wir müssen ein sauberes, intelligentes und umfassendes „Mobilitätssystem“ aufbauen, das den Mobilitätsbedarf deckt, indem es Transportdienstleistungen bietet, die auf die Bedürfnisse der Nutzer zugeschnitten sind.

Der Mobilitätsbedarf: essenzielles Erfordernis oder vergnüglicher Zeitvertreib?

Der Mobilitätsbedarf hängt von unseren Lebensumständen ab. Menschen, die in kompakten Städten leben, in denen alles Wichtige zu Fuß erreichbar ist, benötigen vermutlich kein privates Auto. Brennstoffpreise, Wohnungs- und Arbeitsmarkt, Einkommensniveau und niedrige Kreditzinsen können Einfluss darauf haben, wie oft und auf welche Art wir Beförderungsmittel nutzen oder wie die Produkte, die wir konsumieren, zu uns gelangen. Sogar die Topografie kann sich auf die Wahl von Transportmitteln auswirken.

Die Globalisierung der Märkte (globaler Handel und Verkehr) wäre ohne ausgedehnte Transportnetzwerke nicht möglich. Die Weltwirtschaft wuchs parallel zum Transportvolumen, wobei jeweils das Wachstum des einen das des anderen antrieb. In der heutigen globalisierten Welt können Verbraucher Produkte kaufen, die vor wenigen Jahrzehnten noch nicht angeboten wurden und die ihnen heute bis an die Haustür geliefert werden. Unser Lebensstil und unsere Konsumerwartungen haben sich entsprechend geändert. Wir erwarten das ganze Jahr über preisgünstige Tomaten im Supermarktregal und erschwingliche Urlaubsreisen. Letztlich sollten wir uns vor der Frage nicht scheuen, ob wir all diesen Transport tatsächlich benötigen.

Der Transportbedarf kann auf verschiedene Weise ermittelt werden. Erstens: Ist eine Reise wirklich nötig oder nur eine angenehme Zerstreuung? Lässt sie sich vielleicht vermeiden? Zweitens: Kann die Reise auf eine umweltverträglichere Art erfolgen, beispielsweise mit dem Zug statt mit dem Flugzeug oder mit einem öffentlichen Verkehrsmittel anstelle eines privaten? Und schließlich: Kann die Beförderungsart verbessert werden?

Die Verkehrspolitik in der Europäischen Union stützt sich unter anderem auf die Prinzipien „vermeiden, verlagern und verbessern“. Viele Maßnahmen zur Beschränkung negativer Auswirkungen durch den Transportsektor, darunter Kraftstoffsteuer, Maut oder sonstige Straßengebühren, folgen dem Verursacherprinzip. Solche Maßnahmen zielen in der Regel auf die Reduzierung von Umweltbelastungen ab. Höhere Steuern und Gebühren können beispielsweise den Preis für die Nutzung eines Fahrzeugs erhöhen und auf diese Weise die Nachfrage drücken.

Unglücklicherweise spiegeln die Preise, die Nutzer zurzeit für Transportdienstleistungen zahlen, die vollen Kosten im Hinblick auf Umwelt und öffentliche Gesundheit nicht wider. Kohlepreise, weltweite Ölpreise und Preise für PKW sind tendenziell zu niedrig, um ein starkes Signal für Nutzer und Investoren zu senden.

Darüber hinaus kann das Preissignal durch Verkehrssubventionen, die in Europa weit verbreitet sind, verzerrt werden. In einigen Fällen ist mit Subventionen die Absicht verbunden, sauberere Transportarten zu fördern, wie beispielsweise den öffentlichen Personenverkehr. In anderen Fällen, wie zum Beispiel bei Steuervergünstigungen für Firmenwagen, Steuerbefreiungen für Kraftstoffe im internationalen Luft- oder Schiffsverkehr und unterschiedlichen Steuersätzen für Diesel und Benzin, können Subventionen nachteilige Effekte auf die Umwelt haben und das Transportsystem auf eine nicht nachhaltige Entwicklung festlegen.

Ideen, Politik und Fördermittel mobilisieren

Die aktuelle Mischung von Transportarten und Kraftstoffen ist schlichtweg nicht nachhaltig. Wir haben die Wahl: Wir können ein sauberes, zugängliches, schlüssiges, klimaverträgliches Mobilitätssystem schaffen, das wesentlich zu unserer Lebensqualität und zu unserem Wohlbefinden beiträgt.

Ein Transport, der sauberer und intelligenter ist, kann den Transportbedarf in Europa tatsächlich decken und gleichzeitig viele Vorteile hinsichtlich der öffentlichen Gesundheit bieten, darunter eine reinere Luft, weniger Unfälle, weniger Staus und eine geringere Lärmbelastung. Unter Umständen kann eine entsprechend geförderte Umstellung auf aktive Arten der Fortbewegung, wie beispielsweise Zufußgehen und Radfahren, auch zu einer Verbesserung von Gesundheitsproblemen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Fettleibigkeit beitragen.

Es ist klar, dass die Dekarbonisierung (also der Verzicht auf fossile Brennstoffe) des europäischen Transportsektors Zeit braucht. Sie erfordert eine Kombination von Maßnahmen, darunter eine bessere Stadtplanung, technologische Verbesserungen, eine breitere Nutzung alternativer Kraftstoffe, stärkere Preissignale, eine innovative Forschung, eine kontinuierliche Umsetzung fortschrittlicher Technologie und die striktere Durchsetzung bestehender Vorschriften. Darüber hinaus muss dieses Ziel bei sämtlichen Investitionen in die Infrastruktur und bei politischen Maßnahmen im Auge behalten werden.

Die Umgestaltung des europäischen kohlenstoffabhängigen Transportsektors zu einem sauberen und intelligenten Mobilitätssystem mag als eine gewaltige Aufgabe erscheinen. Sie kann jedoch bewältigt werden, und wir wissen, dass wir dazu in der Lage sind. Und das müssen wir auch, angesichts der aktuellen Auswirkungen des Transportsystems auf Umwelt und öffentliche Gesundheit. Ich persönlich betrachte dies als eine spannende Gelegenheit, eine bessere, saubere Zukunft für uns zu schaffen.

 

Hans Bruyninckx

Exekutivdirektor der EUA

Geographic coverage

Austria, Belgium, Bulgaria, Croatia, Cyprus, Czech Republic, Denmark, Estonia, Finland, France, Germany, Greece, Hungary, Iceland, Ireland, Italy, Latvia, Liechtenstein, Lithuania, Luxembourg, Malta, Netherlands, Norway, Poland, Portugal, Romania, Slovakia, Slovenia, Spain, Sweden, Switzerland, Turkey, United Kingdom
Abonnements
${Melden Sie sich an}, um unsere Berichte (gedruckte und/oder elektronische Fassung) und unseren vierteljährlichen elektronischen Newsletter zu erhalten.
Folgen Sie uns
 
 
 
 
 
Europäische Umweltagentur (EUA)
Kongens Nytorv 6
1050 Kopenhagen K
Dänemark
Telefon: +45 3336 7100