Klimawandel und Städte

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Article Veröffentlicht 21.09.2015 Zuletzt geändert 15.09.2016 10:50
Die meisten Europäer leben heutzutage in Städten. Daher werden sich unsere Entscheidungen zur städtischen Infrastruktur stark darauf auswirken, wie gut wir den Klimawandel bewältigen. Häufigere Regenfälle, Überschwemmungen und Hitzewellen gehören wahrscheinlich zu den Auswirkungen, mit denen europäische Städte im Zusammenhang mit dem Klimawandel konfrontiert sein werden. Wir fragten Holger Robrecht, den stellvertretenden Regionaldirektor von ICLEI, was die Städte zur Anpassung an den Klimawandel unternehmen.

Wie wird sich der Klimawandel auf die Städte auswirken?

Der Klimawandel wird eine Reihe von Auswirkungen auf die Städte haben - eine Häufung extremer Wettereignisse in Europa, wie Überschwemmungen, Stürme und Hitzewellen ist sehr wahrscheinlich. Dies kann sich ernsthaft auf die städtische Infrastruktur, z. B. das Verkehrssystem, das Abwassersystem und sogar das System zur Lebensmittelversorgung auswirken. Bei heftigen Regenfällen und Überschwemmungen besteht die Gefahr, dass unsere Entwässerungsanlagen und unsere Abwassersysteme diese nicht bewältigen können. Ein Beispiel hierfür ist das Regenunwetter in Kopenhagen im Jahr 2011, wo offenkundig wurde, dass es bei starken Regenfällen zu Ausfällen kommen kann. Der Sturm führte zur Überschwemmung von Häusern und beschädigte Eisenbahnstrecken, Straßen und das Metrosystem. Schwere Regenfälle können auch Erdrutsche an Bergen und Hügeln außerhalb der Städte verursachen. Durch diese Erdrutsche können Straßen abgeschnitten werden und die Bereitstellung von Lebensmitteln und anderen Waren erschweren. Dies konnte man bereits auf den Philippinen und in Italien beobachten, und zwar in der Region Ligurien rund um Genua.

Der Klimawandel belastet unsere „harte" Infrastruktur, also Straßen, Häuser und das Abwassersystem. Allerdings macht er ebenso unserer „weichen" Infrastruktur, wie unseren Gesundheitssystemen, zu schaffen. Dies ist offenkundig bei Ereignissen wie Hitzewellen, die ein besonderes Problem für städtische Gebiete darstellen. Die Städte bilden „Wärmeinseln", die sehr viel wärmer sind als ländliche Gebiete. Ältere Menschen unterliegen in städtischen Gebieten einem besonderen Sterblichkeitsrisiko. Auf diese Weise entstehen neue Herausforderungen für unsere Gesundheitssysteme.

Wie begegnen die Städte der Herausforderung durch den Klimawandels?

Zahlreiche Städte in Europa verfügen über sehr vorausschauende Anpassungspläne - dazu gehören London, Kopenhagen, Bratislava und Almada in Portugal. Drei Städte möchte ich jedoch besonders hervorheben: Rotterdam, Gent und Bologna. Rotterdam und Gent haben mit Forschungsorganisationen zusammengearbeitet, um diejenigen Stellen in der Stadt zu identifizieren, die sich bei Hitzewellen am stärksten erwärmen. Sie beschlossen, an mehreren Standorten Thermometer anzubringen und platzierten sogar mobile Thermometer auf Straßenbahnen. Auf diese Weise konnten sie diejenigen Stellen in der Stadt identifizieren, an denen der Wärmeinseleffekt am stärksten war. Im Ergebnis waren sie in der Lage, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, wie etwa Bäume zu pflanzen, um die Auswirkungen einiger dieser Wärmeinseln zu beschränken.

Bologna verfolgte dagegen einen ganz anderen Ansatz. Bologna hat eine mittelalterliche Altstadt, die durch den Fluss Po einem Überschwemmungsrisiko ausgesetzt ist. Allerdings ist Bologna auch von schweren Regenfällen und Hitzewellen betroffen, das heißt, die Stadt steht vor einer dreifachen Herausforderung. Die Stadtverwaltung von Bologna entwickelte eine App für Mobiltelefone, über die Bürger alle Schäden in der Stadt, die aus Ereignissen wie schweren Regenfällen oder Hitzewellen herrühren, aufdecken und melden. Die App ermöglicht den Bürgern außerdem, der Stadtverwaltung Vorschläge zu unterbreiten, wie sie sich auf potenzielle künftige Ereignisse vorbereiten kann. Die App war Bestandteil des Blue AP Anpassungsplans von Bologna und wurde von der EU finanziell gefördert.

Steht die Anpassung an den Klimawandel in Europa auf der politischen Tagesordnung?

Ja. In den letzten Jahren ist die Bedeutung der Anpassung an den Klimawandel beträchtlich gestiegen. Dies ist deswegen der Fall, weil so viele Gebiete in Europa im letzten Jahrzehnt aufgrund des Klimawandels durch extreme Ereignisse betroffen waren. Und die Auswirkungen dieser extremen Wettereignisse waren oft bei weitem schlimmer, als man sich vor zehn Jahren hätte vorstellen können. Beispielsweise überschwemmte der Zyklon Xynthia 2010 zahlreiche Regionen an den französischen Küsten und hinterließ fast eine Million Menschen ohne Strom. Letztes Jahr litten Kroatien und Serbien an schweren, durch Regenfälle verursachten Überschwemmungen. Und Anfang Juni letzten Jahres wurde eine lange Hitzewelle von schweren Regenfällen abgelöst, die Belgien, die Niederlande und Luxemburg trafen. Der Sturm setzte sich im Ruhrgebiet fort und verursachte in der Gegend zwischen Düsseldorf und Dortmund Schäden und Überschwemmungen. Hitzewellen waren eine weitere große Herausforderung in Europa, mit besonders warmen Sommern in den Jahren 2013 und 2014. Durch diese Ereignisse wurden die Regierungen und Städte auf die Notwendigkeit aufmerksam, sich an den Klimawandel anzupassen.

Welches sind die größten Herausforderungen für die Städte beim Umgang mit den Problemen des Klimawandels?

Städte sind im Rahmen der Anpassung an den Klimawandel mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Mangelnde Kenntnisse sind möglicherweise die größte Herausforderung. Zahlreiche Stadtverwaltungen wissen nicht, inwiefern ihre Stadt durch den Klimawandel betroffen sein wird. Und diejenigen Städte, die sich auf den Klimawandel vorbereiten wollen, wissen oft nicht, welche Maßnahmen sie ergreifen oder wie sie ihre Reaktion organisieren sollen. Und zahlreichen Städten ist nicht bekannt, dass in Europa Finanzierung und Beratung zur Verfügung stehen.

Diese Herausforderungen werden jetzt angegangen. Einige nationale Regierungen verfügen über Programme, um ihre Städte bei der Erstellung von Anpassungsplänen zu unterstützen. Die Regierung im Vereinigten Königreich verfügt über ein Programm mit dem Namen UKCIP, während die deutsche Regierung ein Programm mit dem Namen KomPass durchführt. Auf EU-Ebene besteht mittlerweile eine EU-Strategie zur Anpassung an den Klimawandel. Und die EU hat eine Internetseite mit dem Namen Climate-ADAPT erstellt, die von der Europäischen Umweltagentur betrieben wird. Auf Climate-ADAPT können Städte, Regionen und nationale Regierungen mehr über die Anpassung an den Klimawandel erfahren. Zudem gibt es auf europäischer Ebene eine Organisation, die speziell zur Unterstützung der Städte eingerichtet wurde: Mayors Adapt.

ICLEI organisiert Veranstaltungen wie die Konferenz in Bonn über anpassungsfähige Städte und - zusammen mit der Europäischen Umweltagentur - den europäischen Tag der offenen Tür zur Unterstützung des Austauschs zwischen kommunalen Praktikern. Wir bieten den Städten darüber hinaus direkte, klimarelevante Dienstleistungen an.

Schließlich stehen auch Mittel bereit: die EU hat 20 % ihres Haushalts für die Unterstützung von Städten und Ländern bei der Vorbeugung und Anpassung an den Klimawandel abgestellt. Allerdings ist diese Finanzierung vielen Städten nicht bekannt.

Eine eher praktische Herausforderung besteht für Städte darin, ihre Maßnahmen auf verschiedenen Verwaltungsebenen zu organisieren. Eine Anpassung an den Klimawandel erfordert Verbindungen über Verwaltungsgrenzen hinaus. Wenn Sie beispielsweise Flüsse betrachten, die durch mehrere Städte fließen, dann liegt die Zuständigkeit für die Wasserbewirtschaftung im städtischen Bereich eines Flusses unter Umständen gar nicht bei der betreffenden Stadt. Und es kann sogar noch komplizierter werden bei Flüssen wie dem Rhein und der Donau, die durch mehrere Länder fließen. Der für diese Flüsse erforderliche Hochwasserschutz bedingt, dass die Städte mit neuen Arten der Steuerung zwischen Städten und Ländern experimentieren müssen. Im Fall des Rheins haben sich die Schweiz, Frankreich, Deutschland und die Niederlande zusammengetan, um Rückhaltebereiche für Hochwasser zu planen. Städte und Länder müssen künftig sehr viel mehr auf diese Weise planen, um sich an den Klimawandel anzupassen.

Holger Robrecht
Stellvertretender Regionaldirektor von ICLEI


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