Klimawandel und menschliche Gesundheit

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Article Veröffentlicht 21.09.2015 Zuletzt geändert 15.09.2016 10:50
Der Klimawandel in Europa wirkt sich bereits auf die öffentliche Gesundheit aus und wird dies auch in Zukunft tun. Wie wirkt er sich heute auf die Europäer aus? Wie sieht die Zukunft aus? Wir haben diese Fragen Bettina Menne von der Weltgesundheitsorganisation in Europa gestellt.

 Image © Joseph Galea, Environment & Me/EEA

Wirkt sich der Klimawandel auf die menschliche Gesundheit aus?

Der Klimawandel wirkt sich sehr vielseitig auf die öffentliche Gesundheit aus. Es gibt direkte und indirekte Auswirkungen, ebenso wie Auswirkungen, die sofort eintreten und solche, die sich erst nach einem längeren Zeitraum einstellen. Wir schätzen, dass der Klimawandel im Jahr 2000 weltweit zu 150 000 Todesfällen geführt hat. Einer neuen Studie der Weltgesundheitsorganisation zur Folge wird diese Zahl bis 2040 auf 250 000 Todesfälle weltweit steigen. Diese Schätzung wäre sogar noch höher ausgefallen, wenn wir nicht einen Rückgang der Kindersterblichkeit miteinbezogen hätten, den wir für die kommenden Jahre erwarten.

Extreme Wetterereignisse zählen bereits zu den wichtigsten Auswirkungen des Klimawandels, die einen Einfluss auf die öffentliche Gesundheit haben. Zusätzlich wird davon ausgegangen, dass die auf Hitzewellen und Überschwemmungen zurückzuführende Mortalität steigen wird, insbesondere in Europa. Und Veränderungen bei der Verteilung von durch Vektoren übertragenen Krankheiten werden sich ebenfalls auf die menschliche Gesundheit auswirken.

Inwiefern wirken sich extreme Wetterereignisse auf die öffentliche Gesundheit aus?

Verschiedene Arten extremer Wetterereignisse wirken sich auf verschiedene Regionen aus. Hitzewellen sind überwiegend in Südeuropa und dem Mittelmeergebiet ein Problem, allerdings führen sie ebenso in anderen Regionen zu Schwierigkeiten. Nach Schätzungen verursachte die Hitzewelle von 2003 in 12 europäischen Ländern 70 000 zusätzliche Todesfälle - in der Regel waren ältere Menschen betroffen. Im Zuge des Älterwerdens verschlechtert sich die Wärmeregulierung des Körpers, was ältere Menschen gegenüber hohen Temperaturen anfälliger macht.

Für 2050 wird prognostiziert, dass Hitzewellen in der Europäischen Union 120 000 zusätzliche Todesfälle und der Wirtschaft Kosten in Höhe von 150 Mrd. EUR verursachen werden, falls keine zusätzlichen Maßnahmen ergriffen werden. Diese höhere Schätzung beruht nicht nur auf häufiger auftretenden höheren Temperaturen sondern auch auf der sich verändernden Demografie in Europa. Zum aktuellen Zeitpunkt sind ungefähr 20 % der EU-Bürger über 65 Jahre alt - dieser Bevölkerungsanteil wird sich jedoch nach Schätzungen bis zum Jahr 2050 auf rund 30 % erhöhen.

Hohe Temperaturen werden oft mit Luftverschmutzung in Verbindung gebracht, insbesondere mit bodennaher Ozonverschmutzung. Luftverschmutzung kann Atemwegs- und Herzkreislaufprobleme verursachen, vor allem bei Kindern und älteren Menschen, und somit zum vorzeitigen Tod führen.

Andere extreme Wetterereignisse — z. B. starke Niederschläge, die Überschwemmungen verursachen können — wirken sich ebenfalls auf die öffentliche Gesundheit aus.

Inwiefern beeinträchtigen Überschwemmungen unsere Gesundheit?

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: die verheerenden Überschwemmungen 2014 in Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien verursachten 60 Todesfälle und betrafen mehr als 2,5 Mio. Menschen. Zusätzlich zu den unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit waren auch die Bergungsarbeiten und die Gesundheitsdienste betroffen. Zahlreiche Krankenhäuser wurden überflutet, insbesondere die unteren Stockwerke, in denen oft schwere medizinische Geräte untergebracht sind. Hierdurch wurde die Fähigkeit der Gesundheitsdienste zur Bewältigung der Katastrophe und zur Versorgung der bestehenden Patienten beeinträchtigt.

Im Anschluss an solche Katastrophen leiden Menschen, die ihr Haus verloren haben, wahrscheinlich auch an anderen langfristigen Gesundheitsproblemen, einschließlich Stress.

Es bestehen zudem indirekte Gesundheitsrisiken, die weitgehend auf die Zerstörung oder Verunreinigung der Umwelt zurückzuführen sind. Beispielsweise können Überschwemmungen Verschmutzungen und Chemikalien aus Industrieeinrichtungen und Abwasser transportieren. Dies kann zu Verunreinigungen von Trinkwasser und landwirtschaftlichen Nutzflächen führen. Wenn es keine sichere Entsorgung von Fäkalien und Chemikalien gibt, können Überschwemmungen oder größere Mengen an Ablaufwasser Verunreinigungen in Seen und das Meer eintragen, und einige davon können in unsere Lebensmittelkette gelangen.

Welche anderen Gesundheitsrisiken sind mit dem Klimawandel verbunden?

Den Gesundheitsrisiken liegen vielfältige Ursachen zugrunde. Höhere Temperaturen begünstigen Waldbrände. Auf dem europäischen Kontinent treten jährlich 70 000 Waldbrände auf. Obwohl die große Mehrheit von Menschen verursacht wird, verschlimmern hohe Temperaturen und Dürreperioden oft den allgemeinen Schaden. Einige Brände sind ursächlich für den Verlust von Menschenleben und Eigentum — alle Brände verursachen jedoch Luftverschmutzung, insbesondere mit Feinstaub. Dies löst wiederum Erkrankungen und vorzeitige Todesfälle aus.

Höhere Temperaturen, mildere Winter und feuchtere Sommer breiten sich in einem Gebiet aus, in dem Insekten, die bestimmte Erkrankungen verursachen (wie Zecken und Mücken), überleben und gedeihen können. Diese Insekten können dann in neuen Gebieten, in denen sich diese Krankheiten bisher aufgrund des Klimas nicht verbreiten konnten, Krankheiten, wie die Lyme-Borreliose, das Dengue-Fieber oder Malaria übertragen.

Der Klimawandel kann außerdem dazu führen, dass bestimmte Erkrankungen nicht mehr in denjenigen Gebieten auftreten, die gegenwärtig von ihnen betroffen sind. Beispielsweise könnte eine künftige Erwärmung bedeuten, dass Zecken — und damit die durch Zecken übertragenen Erkrankungen — in größerer Höhe und weiter im Norden anzutreffen sind, eng verknüpft mit der sich verändernden Verteilung ihrer natürlichen Wirte, wie dem Wild.

Jahreszeitliche Abweichungen — bestimmte Jahreszeiten, die früher beginnen und länger dauern — könnten sich ebenfalls negativ auf die menschliche Gesundheit auswirken. Insbesondere Personen mit Allergien können hiervon betroffen sein. Wir könnten ebenfalls Spitzenwerte bei Asthmaerkrankungen erreichen, die durch eine kombinierte, gleichzeitige Exposition gegenüber verschiedenen Allergenen ausgelöst werden.

Es bestehen zudem andere langfristige Gesundheitsrisiken, die mit dem Klimawandel verbunden sind. Man erwartet, dass Temperaturund Niederschlagsveränderungen sich auf die Fähigkeit zur Lebensmittelerzeugung in der weiteren paneuropäischen Region auswirken, wobei signifikante Rückgänge in Zentralasien erwartet werden. Eine weitere Verringerung der Produktionskapazität in dieser Region könnte nicht nur das Problem der Unterernährung verschärfen, sondern weiter verbreitete Auswirkungen haben, wie einen weltweiten Anstieg der Lebensmittelpreise. Der Klimawandel ist daher ein Faktor, den wir berücksichtigen müssen, wenn wir die Lebensmittelsicherheit und den Zugang zu erschwinglichen Nahrungsmitteln im Blick haben. Er kann bestehende soziale und wirtschaftliche Probleme verstärken.

Wie können staatliche Stellen sich auf die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit vorbereiten?

Im Vergleich mit vielen anderen Regionen sind die europäischen Gesundheitsdienste besser gerüstet, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit zu bewältigen. Beispielsweise ist es unwahrscheinlich, dass Malaria in der Europäischen Union wieder Fuß fassen kann. Dessen ungeachtet üben Einzelereignisse, wie Überschwemmungen oder lang anhaltende Hitzewellen, einen zunehmenden Druck auf die Gesundheitsdienste in den betroffenen Gebieten aus. Die europäischen Länder müssen ihre Gesundheitsdienste stärken und anpassen, um mit den möglichen Auswirkungen des Klimawandels in diesem Bereich zurechtzukommen. Einige Maßnahmen könnten die Verlegung und den Umbau von Krankenhäusern zur Vorbereitung auf mögliche Überschwemmungen beinhalten. Andere Maßnahmen könnten bessere Instrumente für den Informationsaustausch mit anfälligen Gruppen beinhalten, um deren Exposition gegenüber Verschmutzung vorzubeugen.

Die WHO Europa arbeitet seit über 20 Jahren an den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels. Wir entwickeln Methoden und Instrumente, führen Verträglichkeitsprüfungen durch und unterstützen die Mitgliedstaaten bei der Anpassung an den Klimawandel. In unserem neuesten Bericht empfehlen wir Anpassungsmaßnahmen, wobei wir unterstreichen, dass diese allein nicht ausreichen.

Es ist ziemlich eindeutig, dass die Länder auch Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels ergreifen müssen, um die Volksgesundheit zu schützen. Einige dieser Maßnahmen sind von wesentlichem zusätzlichen Nutzen für die Gesundheit. Beispielsweise kann die Förderung des so genannten „aktiven Transports" (wie Radfahren und Gehen) zur Reduzierung von Übergewicht und nicht übertragbaren Krankheiten beitragen. Und erneuerbare Energien wie die Solarenergie können dazu beitragen, die Gesundheitsdienste in abgelegenen Gebieten kontinuierlich mit Strom zu versorgen.

 

Bettina Menne
Programmmanagerin bei der WHO Europa

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