Sind wir bereit für den Klimawandel?

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Article Veröffentlicht 21.09.2015 Zuletzt geändert 03.06.2016 01:11
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Der Klimawandel wirkt sich auf verschiedene Weise auf unsere Gesundheit, unsere Ökosysteme und unsere Wirtschaft aus. Diese Auswirkungen werden in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich noch schwerwiegender. Falls wir jetzt nicht handeln, könnten sie sich als sehr kostspielig erweisen - in Form von gesundheitlichen Problemen, einer Belastung der Ökosysteme und Schäden an Eigentum und Infrastruktur. Zahlreiche Anpassungsprojekte zur Vorbereitung auf den Klimawandel wurden in Europa bereits eingeleitet.

 Image © Billy Horan, Environment & Me/EEA

Das Jahr 2014 wird in Europa aufgrund der extremen Wetterereignisse in Erinnerung bleiben. Im Mai 2014 traf ein Niederdruckzyklon auf Südosteuropa und verursachte auf dem Balkan weitläufige Überflutungen und 2 000 Erdrutsche. Anfang Juni 2014 ging in Nordeuropa eine Reihe heftiger Regenfälle nieder. Ende Juli 2014 litt Europa an einem anderen Problem: der Hitze. Osteuropa und das Vereinigte Königreich litten unter einer Hitzewelle.

Extreme Wetterereignisse und allmähliche Klimaveränderungen - wie der Anstieg des Meeresspiegels und die Erwärmung der Ozeane werden sich fortsetzen. Tatsächlich wird erwartet, dass diese Ereignisse in der Zukunft häufiger und intensiver auftreten werden. Sogar dann, wenn alle Länder ihre Treibhausgasemissionen sofort radikal reduzieren würden, würden die bereits in die Atmosphäre freigesetzten Treibhausgase weiterhin für eine Klimaerwärmung sorgen. Zusätzlich zu einer wesentlichen Reduzierung der Treibhausgasemissionen müssen die Länder in Europa und auf der ganzen Welt politische Strategien und Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel ausarbeiten.

Das Klima in Europa verändert sich

Ein sich änderndes Klima wirkt sich auf beinahe alle Aspekte unseres Lebens aus. Die stärkere Intensität und Häufigkeit von Regenfällen werden in vielen Teilen Europas zu häufigen und schwerwiegenden Überschwemmungen, der Zerstörung von Häusern und der Beschädigung anderer Infrastruktur (z. B. von Transport- und Energiesystemen) in den Risikoregionen führen. Im übrigen Europa, einschließlich Südeuropa, bedeuten höhere Temperaturen und geringere Regenfälle, dass viele Gebiete von Dürreperioden bedroht werden. Dies könnte zu einem Wettbewerb der Landwirtschaft, der Industrie und der Haushalte um die knappen Wasserressourcen führen. Es könnte ebenfalls zusätzliche, auf die Hitze zurückzuführende Gesundheitsprobleme verursachen.

Der Klimawandel wird auch die Ökosysteme in Europa beeinflussen. Zahlreiche Wirtschaftssektoren hängen davon ab, dass gesunde und stabile Ökosysteme den Menschen eine Vielzahl an Produkten und Dienstleistungen zur Verfügung stellen. Beispielweise befruchten Bienen unsere Nutzpflanzen und die Wälder absorbieren unsere Treibhausgase. Ein verändertes Artengleichgewicht und der Wandel der Lebensräume in Ökosystemen könnten weitreichende Folgen haben. Eine Reduzierung der Niederschläge in Südeuropa könnte den Anbau verschiedener Nutzpflanzen unmöglich machen, während die höheren Temperaturen es invasiven Arten und Arten, die Krankheiten verbreiten, ermöglichen würden, sich nach Norden auszubreiten.

Aufgrund der wärmeren Ozeane wandern bereits verschiedene Fischarten nach Norden, wodurch der Fischereisektor unter zusätzlichen Druck gerät. Beispielsweise hat die Wanderung von Makrelenbeständen nach Norden das bereits bestehende Problem der Überfischung von Hering und Makrele im Nordostatlantik verschärft.

Der Klimawandel verursacht Kosten

Extreme Wetterereignisse können zum Verlust von Menschenleben führen und wirtschaftliche und soziale Aktivitäten in dem betroffenen Gebiet zum Stillstand bringen. Oft sind substanzielle Mittel erforderlich, um beschädigtes Eigentum und die betroffene Infrastruktur wieder aufzubauen. Allerdings können die meisten der aus extremen Wetterereignissen resultierenden Schäden in den letzten Jahrzehnten nicht ausschließlich auf den Klimawandel zurückgeführt werden. Sozioökonomische Entwicklungen und Entscheidungen, wie die Ausbreitung von Städten in Überschwemmungsgebiete, stellen die Hauptursache für den gestiegenen Schaden dar. Ohne Anpassungsmaßnahmen werden jedoch die Kosten für die Schäden und andere negative Auswirkungen vermutlich weiter steigen, während sich die Veränderung unseres Klimas fortsetzt.

Die Kosten für einen zukünftigen Klimawandel sind potentiell sehr hoch. Neuere Forschungsarbeiten schätzen, dass sich ohne Anpassungsmaßnahmen die Zahl der auf Hitze zurückzuführenden Todesfälle im Jahr 2100 in Europa auf 200 000 jährlich belaufen könnte, während die Kosten für die Schäden aufgrund von Flussüberschwemmungen über 10 Mrd. EUR betragen könnten. Im Fall eines umfassenden Klimawandels, dem nicht mit Anpassungsmaßnahmen begegnet wird, könnten Waldbrände sich jährlich auf einem Gebiet von ungefähr 800 000 Hektar ausbreiten. Die Anzahl der durch Dürre bedrohten Menschen könnte ebenfalls um den Faktor sieben steigen und sich auf 150 Mio. jährlich belaufen. Die wirtschaftlichen Verluste aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels würden sich mit 42 Mrd. pro Jahr mehr als verdreifachen.

Obwohl der Gesellschaft durch den Klimawandel höchstwahrscheinlich Kosten entstehen, kann er auch eine beschränkte Zahl neuer Möglichkeiten schaffen, die oft mit neuen Risiken verbunden sind. Wärmere Winter in Nordeuropa führen zu einem reduzierten Heizbedarf. Andererseits erhöhen heißere Sommer den zur Kühlung benötigten Energieverbrauch. Durch das Schmelzen von Meereseis könnten arktische Schifffahrtswege eröffnet werden, die zu einer Kostenreduzierung führen. Allerdings würde die Arktis durch eine verstärkte Schifffahrt der Verschmutzung ausgesetzt; daher sollte die Schifffahrt geregelt werden, um sicherzustellen, dass sie sicher und sauber ist.

Ungeachtet der erwarteten Auswirkungen - sei es mehr Regen, höhere Temperaturen oder weniger Süßwasser - müssen die europäischen Länder ihre ländlichen Gebiete, ihre Städte und ihre Wirtschaft an den Klimawandel anpassen und die Anfälligkeit gegenüber dessen Auswirkungen reduzieren.

Was bedeutet „Anpassung an den Klimawandel"?

„Anpassung" deckt eine große Bandbreite an Maßnahmen und politischen Strategien ab, die auf die Vorbereitung der Gesellschaft auf den Klimawandel abzielen. Die Umsetzung der Anpassungsstrategien kann die Auswirkungen und Kosten der durch den Klimawandel verursachten Schäden reduzieren und die Gesellschaft darauf vorbereiten, sich in einem veränderten Klima zu entwickeln und zu gedeihen. Einige dieser Maßnahmen verursachen relativ geringe Kosten, wie etwa Informationskampagnen darüber, wie man sich bei Hitze kühl hält, oder ein Frühwarnsystem für Hitzewellen. Andere Anpassungsmaßnahmen können sehr kostspielig sein, wie der Bau von Deichen und Schutzmaßnahmen für Küsten (solche Baumaßnahmen werden oft als „graue Anpassung" bezeichnet), die Verlegung von Häusern aus Überschwemmungsgebieten oder der Ausbau von Rückhaltebecken als Reaktion auf Dürreperioden.

Einige Anpassungsmaßnahmen umfassen natürliche Methoden, um die Widerstandskraft eines Gebiets gegenüber dem Klimawandel zu stärken. Solche „grünen Anpassungsmaßnahmen" beinhalten die Wiederherstellung von Sanddünen zur Vorbeugung der Erosion oder die Bepflanzung von Flussufern mit Bäumen, um Überschwemmungen einzudämmen. Die Stadt Nijmegen in den Niederlanden hat solche grünen Anpassungsmaßnahmen umgesetzt. Der Fluss Waal fließt durch die Küstenstadt Nijmegen und verengt sich um die Stadt herum, wodurch Überschwemmungen verursacht werden. Um Schäden durch Überschwemmungen zu vermeiden, baut die Stadt einen Kanal, der dem Fluss mehr Raum zum Fließen gewährt. Auf diese Weise werden auch neue Erholungs- und Naturräume geschaffen.

Das niederländische Programm „Bauen im Einklang mit der Natur" ist ein anderes gutes Beispiel für die Kombination aus grauer und grüner Anpassung. Im Rahmen dieses Programms wurde die Wiederherstellung von Küstenfeuchtgebieten gefördert, z. B. von Sümpfen, Röhrichten, Mooren und Wattenmeeren. Diese Feuchtgebiete können durch die Wurzelstrukturen der Wasserpflanzen die Bodenabsenkung verhindern. Durch die Verhinderung der Bodenabsenkung in Küstengebieten wird das umliegende Gebiet vor Überschwemmungen geschützt.

Andere Anpassungsmaßnahmen nutzen Gesetze, Steuern, finanzielle Anreize und Informationskampagnen, um die Widerstandskraft gegenüber dem Klimawandel zu stärken (als „weiche Anpassung" bezeichnete Maßnahmen). Durch eine Informationskampagne in Zaragoza, Spanien wurden die 700 000 Einwohner der Stadt dafür sensibilisiert, Wasser sparsam zu verwenden, um die länger anhaltenden Dürreperioden, die für diese semiaride Region erwartet werden, unbeschadet zu überstehen. In Kombination mit der Kontrolle von Leckagen im Wasserversorgungsnetz führte das Projekt im Vergleich zu 1980 zu einer annähernden Halbierung des täglichen Wasserverbrauchs pro Person, wobei der Gesamtwasserverbrauch der Stadt seit 1995 um 30 % zurückging.

Anpassung innerhalb der Europäischen Union

Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten arbeiten bereits an einer Anpassung an den Klimawandel. 2013 verabschiedete die Europäische Kommission „Eine EU-Strategie für die Anpassung an den Klimawandel", durch die die Länder bei der Planung ihrer Anpassungsmaßnahmen unterstützt werden. Die Strategie fördert die Schaffung und den Austausch von Wissen und strebt durch den Einsatz von EU-Fonds eine Erhöhung der Widerstandskraft in Schlüsselsektoren an. Über 20 europäische Länder haben bereits Anpassungsstrategien verabschiedet und die zu ergreifenden ersten Maßnahmen (z. B. Bewertung der Anfälligkeit und Forschung) sowie die zur Anpassung an den Klimawandel einzuschlagenden Wege beschrieben. Allerdings befinden sich zahlreiche Länder bezüglich konkreter Maßnahmen vor Ort noch immer im Anfangsstadium.

Eine Umfrage der EUA über Anpassungsmaßnahmen ergab, dass die meisten Länder dem Sektor der Wasserbewirtschaftung Priorität einräumen. Allerdings wenden die Länder auch Mittel auf, um ihren Bürgern Informationen bereitzustellen. Beispielsweise führt die Region Emilia Romagna eine Aufklärungskampagne über die Gefahren der Lyme-Borreliose, des Dengue-Fiebers und des WestNil- Fiebers durch, um die Verbreitung von durch Insekten übertragenen Krankheiten einzudämmen.

Zahlreiche Länder haben Online-Plattformen über anpassungsrelevantes Wissen erstellt, um den Austausch transnationaler, nationaler und lokaler Erfahrungen sowie bewährter Verfahren zu ermöglichen. Das Portal Climate-ADAPT, das von der Europäischen Umweltagentur und der Europäischen Kommission bereit gestellt wird, bietet eine europäische Plattform für den Austausch solcher Erfahrungen.

Keine Anpassung ist keine Option

Extreme Wetterereignisse und politische Strategien der EU führten dazu, dass Anpassungsstrategien in den letzten Jahrzehnten auf der politischen Tagesordnung der europäischen Länder weiter nach oben gerückt sind. Allerdings sind nach einer neueren Umfrage viele Länder aufgrund eines Mangels an Ressourcen, wie Zeit, Geld oder Technologie nicht in der Lage, Maßnahmen durchzuführen. „Unsicherheiten über das Ausmaß des künftigen Klimawandels" und „unklare Zuständigkeiten" werden ebenfalls in zahlreichen Ländern als Hindernisse angesehen.

Die Auswirkungen des Klimawandels können je nach Region unterschiedlich ausfallen. Politiker stehen vor der Schwierigkeit, künftige Veränderungen im Hinblick auf Wohlstand, Infrastruktur und Bevölkerung in ihren Anpassungsplänen im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu berücksichtigen. Was benötigt eine immer älter werdende und urbanisierte Bevölkerung im Hinblick auf Verkehr, Wohnraum, Energie, Gesundheitsdienste oder Lebensmittelerzeugung in einem sich wandelnden Klima?

Anpassung sollte nicht als separater politischer Bereich behandelt werden. Sie kann am besten durch eine stärkere Einbindung in alle anderen Bereiche der öffentlichen Politik umgesetzt werden. Mit ihren Anpassungsstrategien untersuchen die EU-Länder und die Europäische Union, wie sie die Anpassungsbelange in verschiedene politische Bereiche, wie Landwirtschaft, Gesundheit, Energie oder Verkehr integrieren können.

Vor allem extreme Wetterereignisse zeigen, dass fehlende Anpassung eine kostspielige Entscheidung ist und mittel- bis langfristig kein gangbarer Weg sein kann. Beispielsweise wird die Verkehrsinfrastruktur bei Überschwemmungen oft stark beschädigt. Wenn der Transport von Personen, Waren oder Dienstleistungen behindert ist, können zudem die indirekten Kosten für die Wirtschaft um ein Mehrfaches höher sein, als die direkten Kosten der beschädigten Infrastruktur.

Es ist eindeutig, dass die Anpassung der Verkehrsinfrastruktur ebenso wie andere Infrastrukturprojekte teure Unterfangen sind. Diese Anpassung kann sich auch deshalb schwierig gestalten, weil das Transportsystem verschiedene Gruppen umfasst, von den Fahrzeugherstellern über Infrastrukturmanager bis zu den Passagieren. Eine kosteneffiziente Lösung besteht darin, mögliche Anpassungsmaßnahmen beim Bau bzw. der Erneuerung von Infrastruktur abzuwägen - wobei der EU-Haushalt verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten zur Unterstützung von Infrastrukturprojekten anbietet.

Eine wirksame Lösung erfordert eine langfristige und breitere Perspektive, damit der Klimawandel in verschiedene öffentliche politische Strategien, die mit der Nachhaltigkeit in Verbindung stehen, integriert werden kann. Bezüglich der Anpassung an den Klimawandel stellt sich die Frage, wie unsere Städte gebaut, wie Personen und Waren transportiert, wie unsere Haushalte und Werke mit Strom versorgt, wie unsere Lebensmittel erzeugt und wie unsere natürlich Umgebung bewirtschaftet werden sollen.

Es ist ebenfalls eindeutig, dass eine wirksame Kombination aus Anpassungs- und Eindämmungsmaßnahmen dabei behilflich sein kann, sicherzustellen, dass die zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels sich in Grenzen halten und Europa beim Auftreten dieser Auswirkungen besser vorbereitet und widerstandsfähiger ist.

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