Landwirtschaft und Klimawandel

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Article Veröffentlicht 21.09.2015 Zuletzt geändert 11.07.2016 15:55
Die Landwirtschaft trägt einerseits zum Klimawandel bei und ist andererseits durch dessen Auswirkungen betroffen. Die EU muss ihre Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft reduzieren und ihr System zur Lebensmittelerzeugung an den Klimawandel anpassen. Allerdings ist der Klimawandel nur einer der zahlreichen Faktoren, die Druck auf die Landwirtschaft ausüben. Angesichts einer wachsenden globalen Nachfrage und eines verstärkten Wettbewerbs um Ressourcen sind Lebensmittelerzeugung und -verzehr in der EU in einem breiteren Kontext zu betrachten, d. h. Landwirtschaft, Energie und Lebensmittelsicherheit müssen vernetzt werden.

 Image © Javier Arcenillas, Environment & Me/EEA

Essen ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und eine gesunde Ernährung ist eine Schlüsselkomponente für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Mit der Zeit wurde ein komplexes und zunehmend globalisiertes System zur Erzeugung und Verteilung entwickelt, um unseren Bedarf an Lebensmitteln und verschiedenen Aromen zu decken. In der heutigen Welt kann ein im Atlantik gefangener Fisch innerhalb von ein paar Tagen in einem Restaurant in Prag serviert werden, mit aus Indien eingeführtem Reis als Beilage. Gleichermaßen werden europäische Lebensmittelerzeugnisse in der ganzen Welt verkauft und verzehrt.

Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel

Bevor Lebensmittel auf unseren Teller gelangen, werden sie erzeugt, gelagert, verarbeitet, verpackt, transportiert, zubereitet und serviert. In jeder Phase werden durch die Lebensmittelversorgung Treibhausgase in die Atmosphäre freigesetzt. Die Landwirtschaft setzt beträchtliche Mengen an Methan und Stickoxiden frei - zwei sehr starke Treibhausgase. Methan entsteht in der Tierhaltung während der Verdauung aufgrund der Darmgärung und wird durch Eruktation freigesetzt. Methan kann auch aus gelagertem Dünger und organischen Abfällen in Deponien entweichen. Stickoxidemissionen sind ein indirektes Produkt organischer und mineralischer Stickstoffdünger.

10 % der gesamten EU-Treibhausgasemissionen im Jahr 2012 waren auf die Landwirtschaft zurückzuführen. Ein signifikanter Rückgang des Viehbestands, eine wirksamere Verwendung von Düngemitteln und eine bessere Düngerbewirtschaftung reduzierte die Emissionen aus der EU-Landwirtschaft zwischen 1990 und 2012 um 24 %.

Allerdings bewegt sich die Landwirtschaft in der übrigen Welt in die entgegengesetzte Richtung. Zwischen 2001 und 2011 stiegen die globalen Emissionen aus der pflanzlichen und tierischen Produktion um 14 %. Der Anstieg erfolgte überwiegend in den Entwicklungsländern aufgrund einer gesteigerten landwirtschaftlichen Gesamterzeugung. Die Ursache hierfür liegt in der gestiegenen globalen Nachfrage nach Lebensmitteln und bei veränderten Gewohnheiten im Zusammenhang mit dem Lebensmittelverzehr, was auf steigende Einkommen in bestimmten Entwicklungsländern zurückzuführen ist. Die Emissionen aus der Darmgärung stiegen in diesem Zeitraum um 11 % und waren 2011 für 39 % der gesamten Treibhausgasemissionen des Sektors verantwortlich.

Angesichts der zentralen Bedeutung von Lebensmitteln für unser Leben bleibt eine weitere Reduzierung der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft eine Herausforderung. Nichtsdestotrotz besteht in der EU noch Potenzial für eine weitere Reduzierung der Treibhausgasemissionen aus der Lebensmittelerzeugung. Eine bessere Integration innovativer Techniken in die Produktionsmethoden, wie die Methangewinnung aus Dünger, eine wirksamere Verwendung von Düngemitteln und eine effizientere Fleisch- und Milcherzeugung (d. h. eine Reduzierung der Emissionen pro erzeugter Lebensmitteleinheit) können hilfreich sein.

Zusätzlich zu solchen Effizienzsteigerungen können Veränderungen auf der Verbraucherseite dazu beitragen, dass die mit Lebensmitteln in Verbindung stehenden Treibhausgasemissionen gesenkt werden. Im Allgemeinen hinterlassen Fleisch und Milchprodukte den größten Fußabdruck im Hinblick auf Kohlenstoff, Rohstoffe und pro Kilogramm Lebensmittel verbrauchtes Wasser. Was die Treibhausgasemissionen betrifft, erzeugen Viehbestände und die Futtermittelproduktion über 3 Mrd. Tonnen CO2-Äquivalent. Auf den Transport im Anschluss an die landwirtschaftliche Erzeugung und die Verarbeitung entfällt lediglich ein geringer Anteil der mit Lebensmitteln in Zusammenhang stehenden Emissionen. Durch die Reduzierung von Lebensmittelabfällen und einen verminderten Verbrauch emissionsintensiver Lebensmittel können wir zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen durch die Landwirtschaft beitragen.

Klimawandel beeinträchtigt die Landwirtschaft

Pflanzen benötigen zum Wachsen Boden, Wasser, Sonnenlicht und Wärme. Wärmere Lufttemperaturen haben sich bereits auf die Länge der Vegetationsperiode in großen Teilen Europas ausgewirkt. Die Blüte und Ernte von Getreide erfolgen in der Saison nun einige Tage früher. Es wird erwartet, dass sich diese Veränderungen in zahlreichen Regionen fortsetzen.

Im Allgemeinen könnte die landwirtschaftliche Produktivität in Nordeuropa aufgrund einer längeren Vegetationsperiode und einer Ausdehnung des frostfreien Zeitraums ansteigen. Wärmere Temperaturen und längere Vegetationsperioden könnten auch den Anbau neuer Pflanzen ermöglichen. Allerdings wird erwartet, dass extreme Hitzeereignisse und geringere Niederschläge sowie eine Verminderung des verfügbaren Wassers in Südeuropa die Ernteproduktivität behindern. Es wird ebenfalls erwartet, dass die Ernteerträge aufgrund extremer Wetterereignisse und anderer Faktoren, wie Schädlingen und Krankheiten, von Jahr zu Jahr stark variieren.

In einigen Mittelmeergebieten könnten bestimmte Sommerkulturen aufgrund der extremen Hitze und des Wassermangels im Winter statt im Sommer angebaut werden. In anderen Gebieten, wie in Westfrankreich und Südosteuropa, werden wohl aufgrund der heißen und trockenen Sommer Ernteeinbußen zu verzeichnen sein, ohne dass die Möglichkeit besteht, den Pflanzenanbau auf den Winter zu verlagern.

Veränderungen der Temperaturen und der Vegetationsperioden können sich auch auf die Wucherung und die Ausbreitung von bestimmten Arten, wie Insekten, invasivem Unkraut oder Krankheiten auswirken, die sich wiederum alle auf den Ernteertrag auswirken. Ein Teil der potenziellen Ernteausfälle kann durch Bewirtschaftungspraktiken ausgeglichen werden – z. B. durch den Rotationsanbau von Nahrungspflanzen zur Anpassung an die Verfügbarkeit von Wasser, die Anpassung der Aussaat an die Temperatur- und Niederschlagsmuster und die Verwendung von Pflanzenarten, die besser für die neuen Bedingungen geeignet sind (z. B. hitze- und dürrebeständige Pflanzen).

Allerdings werden nicht nur aus dem Boden stammende Lebensmittelquellen durch den Klimawandel beeinträchtigt. Die Verteilung bestimmter Fischbestände hat sich im Nordostatlantik bereits verändert und betrifft Gemeinden in der Lieferkette, die auf diese Bestände angewiesen sind. Zusammen mit dem Anstieg der Seeschifffahrt können wärmere Wassertemperaturen auch die Besiedlung mit invasiven, im Meer lebenden Arten begünstigen und zu einem Zusammenbruch der lokalen Fischbestände führen.

Bestimmte EU-Fonds, wie der Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums, die Gemeinsame Agrarpolitik und Kredite der Europäischen Investitionsbank stehen zur Verfügung, um Landwirte und vom Fischfang lebende Gemeinden bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen. Im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik bestehen weitere Fonds, die darauf ausgerichtet sind, die Treibhausgasemissionen aus landwirtschaftlicher Tätigkeit zu reduzieren.

Globale Märkte, globale Nachfrage, globale Erwärmung ....

In Übereinstimmung mit dem erwarteten Bevölkerungswachstum und Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten zugunsten eines gesteigerten Fleischverzehrs wird davon ausgegangen, dass die weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln in den kommenden Jahrzehnten um bis zu 70 % steigt. Die Landwirtschaft ist bereits jetzt einer der Wirtschaftssektoren mit den stärksten Auswirkungen auf die Umwelt. Dieser gewaltige Anstieg der Nachfrage wird naturgemäß zusätzliche Belastungen hervorbringen. Wie können wir diese steigende weltweite Nachfrage decken und gleichzeitig die Auswirkungen der Erzeugung und des Verbrauchs von Lebensmitteln auf die Umwelt verringern?

Eine Reduzierung der Menge der erzeugten Lebensmittel ist keine brauchbare Lösung. Die EU ist weltweit einer der größten Lebensmittelerzeuger: sie erzeugt ungefähr ein Achtel der weltweiten Getreideernte, zwei Drittel des Weins, die Hälfte der Zuckerrüben und drei Viertel des Olivenöls. Jede Reduzierung der Hauptnahrungsmittel dürfte die Lebensmittelsicherheit in der EU und in der Welt gefährden und zu einer globalen Erhöhung der Lebensmittelpreise führen. Auf diese Weise würde es für zahlreiche Gruppen auf der Welt schwieriger, auf erschwingliche und nahrhafte Lebensmittel zuzugreifen.

Die Erzeugung von mehr Lebensmitteln aus bereits bewirtschafteten Böden erfordert oft den verstärkten Einsatz von Stickstoffdüngern, die wiederum Stickoxidemissionen freisetzen und zum Klimawandel beitragen. Eine intensive Landwirtschaft und ein starker Einsatz von Düngemitteln setzen auch Nitrate in den Boden und in Gewässer frei. Obwohl hohe Konzentrationen von Nährstoffen (insbesondere Phosphate und Nitrate) nicht direkt mit dem Klimawandel in Beziehung stehen, verursachen sie eine Eutrophierung der Gewässer. Die Eutrophierung begünstigt das Algenwachstum und erschöpft den im Wasser vorhandenen Sauerstoff, was wiederum schwerwiegende Auswirkungen auf die Wasserorganismen und die Wasserqualität hat.

Ob in Europa oder in der übrigen Welt - würde die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln durch die Nutzung zusätzlicher Flächen gedeckt, hätte dies schwerwiegende Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima. Diejenigen Gebiete in Europa, die für die Landwirtschaft am besten geeignet sind, werden bereits weitgehend bewirtschaftet. Land, und insbesondere fruchtbare landwirtschaftliche Nutzflächen, stellen in Europa und in der ganzen Welt eine begrenzte Ressource dar.

Die Verwandlung von Waldgebieten in landwirtschaftliche Nutzflächen ist ebenfalls keine Lösung, da dieser Prozess eine Quelle für Treibhausgasemissionen ist. Ähnlich wie bei zahlreichen anderen Flächennutzungsänderungen wird durch die Entwaldung (die gegenwärtig hauptsächlich außerhalb der Europäischen Union stattfindet) auch die Artenvielfalt bedroht und die Fähigkeit der Natur, mit den Auswirkungen des Klimawandels (wie der Absorbierung schwerer Regenfälle) fertig zu werden, weiter untergraben.

Konkurrierende Nachfrage

Es ist eindeutig, dass die Welt mehr Lebensmittel erzeugen muss und die Schlüsselressourcen begrenzt sind. Die Landwirtschaft führt zu starken Belastungen der Umwelt und des Klimas. Zudem wirkt sich der Klimawandel darauf aus - und wird sich auch weiterhin darauf auswirken -, wie viele Lebensmittel an welchem Standort erzeugt werden können.

Wer was und an welchem Standort erzeugen kann, ist eine soziopolitische Frage, die in der Zukunft wohl zunehmend kontroverse Züge annehmen wird. Der globale Wettbewerb um diese grundlegenden Ressourcen, insbesondere mit den noch ausstehenden Auswirkungen des Klimawandels, veranlasst die Industrieländer, große landwirtschaftliche Nutzflächen in weniger entwickelten Ländern aufzukaufen. Diese Landkäufe und die Auswirkungen des Klimawandels stellen die Lebensmittelsicherheit insbesondere in den Entwicklungsländern in Frage. Bei der Lebensmittelsicherheit geht es nicht nur darum, ausreichende Lebensmittelmengen zu erzeugen, sondern auch darum, den Zugang zu Lebensmitteln mit einem ausreichenden Nährwert zu sichern.

Dieses komplexe Problem erfordert einen kohärenten und integrierten strategischen Ansatz mit Blick auf Klimawandel, Energie und Lebensmittelsicherheit. Angesichts des Klimawandels und des Wettbewerbs um knappe Ressourcen sind ein Wandel des gesamten Lebensmittelsystems und eine sehr viel stärkere Ressourceneffizienz nötig, während Umweltbelastungen, darunter Treibhausgasemissionen, kontinuierlich reduziert werden müssen. Die Ernteerträge müssen erhöht werden, während wir gleichzeitig unsere Abhängigkeit von Agrochemikalien reduzieren. Die Lebensmittelverschwendung und der Verbrauch ressourcen- und treibhausgasintensiver Lebensmittel wie Fleisch sind gleichzeitig zu verringern.

Hierbei dürfen wir nicht vergessen, dass die Landwirte in Europa eine Schlüsselrolle beim Erhalt und der Bewirtschaftung der biologischen Vielfalt spielen können. Sie sind auch eine Schlüsselkomponente in der ländlichen Wirtschaft. Aus diesem Grund sollten politische Maßnahmen zur Bewältigung dieses hochkomplexen Problems, das sich auf Lebensmittel und die Umwelt konzentriert, den landwirtschaftlichen Umweltbelastungen sowie der sozioökonomischen Bedeutung der Landwirtschaft für zahlreiche Gemeinden Rechnung tragen.

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