Klimawandel und Investitionen

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Article Veröffentlicht 21.09.2015 Zuletzt geändert 31.08.2016 14:57
Maßnahmen zur Eindämmung und Anpassung an den Klimawandel werden oft als kostspielig und zusätzliche Belastung für die Wirtschaft betrachtet. Allerdings wenden die europäischen Länder bereits öffentliche und private Gelder für Forschung, Infrastruktur, Landwirtschaft, Energie, Verkehr, städtische Entwicklung, sozialen Schutz, Gesundheit und Naturschutz auf. Wir müssen sicherstellen, dass unsere bestehenden Ausgaben in diesen Bereichen klimafreundliche und nachhaltige Optionen fördern, durch die die Schaffung neuer Arbeitsplätze unterstützt wird.

 Image © Ana Skobe, Environment & Me/EEA

Der Klimawandel wird sich auf verschiedene Weise auf uns auswirken, entweder durch eine verstärkte Luftverschmutzung, die Versauerung der Ozeane oder überschwemmte Häuser und Felder. Einige Kosten für Schäden, wie der wirtschaftliche Verlust durch beschädigtes Eigentum aufgrund von Überschwemmungen sind relativ einfach mit einem Geldwert zu beziffern. Andere Kosten sind jedoch schwieriger zu berechnen. Können wir beispielsweise einen genauen Preis für mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen oder zukünftige Ernteeinbußen aufgrund des Klimawandels festlegen?

Trotz solcher Schwierigkeiten und der mit dem Klimawandel verbundenen Ungewissheiten schätzt der zwischenstaatliche Sachverständigenrat für Klimafragen (IPCC) den wahrscheinlichen wirtschaftlichen Verlust, der durch eine globale Erwärmung von nur 2°C verursacht wird, auf 0,2-2 % des globalen Bruttoinlandprodukts (BIP). Und zwar selbst dann, wenn wirksame Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden. Steigt die Erwärmung jedoch über diesen Wert, führt dies zu einem zusätzlichen Kostenanstieg.

Auch wenn wir den genauen Betrag nicht kennen die sich aus dem Klimawandel ergebenden Kosten sind real und wir kommen bereits auf vielfältige Weise für sie auf - durch beschädigtes Eigentum, medizinische Ausgaben und Ernteeinbußen.

Um einigen künftigen Kosten vorzubeugen bzw. diese für unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt zu minimieren, müssen wir Maßnahmen ergreifen. Hier stellt sich folgende Frage: Wie viel müssen wir investieren - und in welche Bereiche?

Investitionen in die Infrastruktur

Wir verbrauchen weltweit immer mehr Ressourcen. Wir benötigen mehr Lebensmittel, Flächen und Wasser, um eine wachsende globale Bevölkerung zu ernähren, und wir benötigen mehr Energie, um unsere Häuser zu heizen und unsere Fahrzeuge zu betanken. Unser steigendes Verbrauchsniveau wird durch nicht nachhaltige Produktionsmuster aufrechterhalten, die zur Erschöpfung nicht erneuerbarer Ressourcen führen. Dies führt außerdem dazu, dass mehr Schadstoffe in die Atmosphäre, in Gewässer und in den Boden abgegeben werden.

Die Anstrengungen zur Bewältigung des Klimawandels sollten im Kontext eines breiten Übergangs zu einer „grünen Wirtschaft" gesehen werden — einem nachhaltigen Lebensstil, der uns Wohlstand ermöglicht, während wir unseren Ressourcenverbrauch innerhalb der nachhaltigen Grenzen unseres Planeten halten. Das 7. Umweltaktionsprogramm der Europäischen Union identifiziert „Investitionen" als eine der zentralen Säulen, die einen solchen Übergang ermöglicht.

Investitionen kommt bei der Bewältigung des Klimawandels eine grundlegende Bedeutung zu, weil die heute getroffene Investitionswahl langfristige — sowohl positive als auch negative — Auswirkungen darauf hat, wie der grundlegende gesellschaftliche Bedarf in der Zukunft gedeckt wird. Einer der zentralen Wege für die Bewältigung des Klimawandels mithilfe von Investitionen ist die Infrastruktur. Unsere Gesellschaften bauen Infrastrukturen auf, um den grundlegenden gesellschaftlichen Bedarf an Wasser, Strom und Mobilität zu decken. Infrastruktur ist oft kostspielig und wird jahrzehntelang verwendet. Ihr kommt daher eine zentrale Bedeutung bei der Gestaltung unserer Lebensweise zu. Bestimme Investitionsentscheidungen bieten die reale Möglichkeit, die Art der Bedarfsdeckung umzuwandeln, während andere uns für Jahrzehnte an nicht nachhaltige Praktiken binden.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass die Welt ungefähr 4,8 Billionen EUR (5,3 Billionen USD) pro Jahr für Energiesubventionen ausgibt, und zwar hauptsächlich für fossile Brennstoffe. Die Definition des IWF von „Subventionen" umfasst im Zusammenhang mit dem kürzlich erschienenen Bericht die unbezahlten Kosten aller Umweltschäden, die durch fossile Brennstoffe verursacht werden. Im selben Bericht schätzt der IWF die direkten Subventionen (d. h. die staatlichen Garantien für die Förderung bzw. den Verbrauch von Erdöl, Erdgas und Kohle) auf ungefähr 460 Mrd. EUR (500 Mrd. USD) weltweit. Solche Subventionen könnten dort unerwünschte Ergebnisse zur Folge haben, wo mit langfristigen Investitionsentscheidungen weiterhin fossile Brennstoffe in unserer Energieinfrastruktur favorisiert werden.

Dekarbonisierung der Energie- und Transportsysteme?

Die Verbrennung fossiler Brennstoffe ist einer der wesentlichen Verursacher von Treibhausgasemissionen, die in die Atmosphäre freigesetzt werden. Fossile Brennstoffe sind auch eine Schlüsselkomponente des globalen Energiesystems, mit dem der Energiebedarf unserer Häuser, Büros, Fabriken und Fahrzeuge gedeckt wird.

Eine komplette Umstellung von fossilen Brennstoffen auf nachhaltige erneuerbare Alternativen ist nicht einfach. Hierzu sind Veränderungen des gesamten Energiesystems von der Erzeugung und Lagerung bis zur Verteilung und dem Endverbrauch erforderlich. Beispielsweise sollte der durch Solaranlagen erzeugte Strom für den Verbrauch zu einem späteren Zeitpunkt und an einem anderen Standort bereitgestellt werden, möglicherweise sogar in einem anderen Land. Dies kann nur dann erreicht werden, wenn gut angebundene intelligente Netze installiert werden. In anderen Systemen wie dem Verkehrssystem muss sich ebenfalls ein radikaler Wandel vollziehen. Hierzu gehört der Ersatz der gegenwärtigen Fahrzeugflotte durch elektrische Fahrzeuge und die Schaffung neuer öffentlicher Verkehrsnetze, die den Bedarf nach Mobilität bewältigen können, indem Alternativen zum Auto angeboten werden. Alles in allem könnte der Investitionsbedarf zur Realisierung all dieser Veränderungen gewaltig sein.

Nach Schätzungen der Europäischen Kommission erfordert die Umrüstung der europäischen Energie- und Verkehrssysteme auf „kohlenstoffarme" Anlagen in den nächsten 40 Jahren zusätzliche öffentliche und private Investitionen in Höhe von 270 Mrd. EUR pro Jahr. Dieser zusätzliche Betrag entspricht ungefähr 1,5 % des BIP in der EU — und gleicht damit den Schätzungen des IPCC bezüglich der wirtschaftlichen Verluste bis 2050 in Höhe von 0,2-2 % des weltweiten BIP. Werden die Investoren also heute Maßnahmen ergreifen, um künftige Auswirkungen zu minimieren?

Umleitung der bestehenden Ausgaben

Regierungen, Unternehmen und Bürger geben in der EU Geld für den Aufbau von Verkehrsnetzen, die Stromerzeugung, Wohnraum, Konsumgüter und Dienstleistungen aus. Obwohl der Umfang in den Mitgliedstaaten stark variiert, belaufen sich die staatlichen Ausgaben in der EU auf ungefähr 50 % des BIP. Ein Teil davon fließt in so genannte Investitionsausgaben (technisch ausgedrückt: „Bruttoinvestitionen"), darunter fallen z. B. umfangreiche Infrastrukturprojekte, Forschung, Gesundheitsdienste usw. Dasselbe gilt für die Ausgaben von Haushalten und Unternehmen.

Welche Art von Energie- und Mobilitätssystem gestalten wir also für die Zukunft? Blockieren wir unser Geld in nicht nachhaltigen Lösungen oder schaffen wir einen Raum, in dem sich nachhaltige Alternativen entwickeln und die Art und Weise unserer Bedarfsdeckung ändern können? Die öffentliche Finanzierung kann hier eine entscheidende Rolle spielen, indem sie Anreize bietet und dem Markt „grüne" Signale sendet. Beispielsweise wäre die Entscheidung, öffentliche Mittel von fossilen Brennstoffen auf die Erzeugung erneuerbarer Energien umzustellen, ein deutliches Signal - nicht nur für die Stromerzeuger, sondern auch für Forscher und Stromverbraucher.

Im Einklang mit der Europa 2020 Strategie weist die EU in ihrem mehrjährigen Haushalt für die Jahre 2014-2020 beinahe 1 Billion EUR dem nachhaltigen Wachstum, Arbeitsplätzen und der Wettbewerbsfähigkeit zu. Mindestens 20 % dieses mehrjährigen Haushalts werden dafür ausgegeben, Europa in eine kohlenstoffarme und an den Klimawandel angepasste Wirtschaftsregion zu verwandeln. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden Klimaziele in die entsprechenden EU-Strategien und Programme, wie beispielsweise Strukturfonds, Forschung, Landwirtschaft, Meerespolitik, Fischerei und das LIFE-Programm für Naturschutz und Klimamaßnahmen, aufgenommen.

Diese Gelder werden in den EU-Mitgliedstaaten durch öffentliche Ausgaben auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene ebenso ergänzt wie durch Investitionen des privaten Sektors (z. B. Unternehmen, Rentensysteme, Haushalte). Es bestehen zudem globale Finanzierungskanäle, wie der Green Climate Fund, der vom UNFCCC (Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen) eingerichtet wurde und darauf abzielt, Entwicklungsländer bei der Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels und der Einführung von Eindämmungsmaßnahmen zu unterstützen.

Vor uns liegende Möglichkeiten

Wir wissen, dass wir Investitionen benötigen, um den wachsenden Bedarf in bestimmten Bereichen zu decken. Gemäß dem „New Climate Economy"-Bericht wird der weltweite Energieverbrauch in den nächsten 15 Jahren um 20 % bis 35 % steigen. Um diesen Bedarf zu decken, sind zwischen 2015 und 2030 über 41 Billionen EUR für die Schlüsselkategorien der Energieinfrastruktur erforderlich. Angesichts dessen, dass die Energieerzeugung und der Energieverbrauch bereits für zwei Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, legen wir mit der Art der Energiequellen, in die wir heute investieren, weitgehend fest, ob wir bezüglich der Begrenzung der globalen Erwärmung um 2°C Erfolg haben werden, oder nicht.

Einige Sektoren und Gemeinden werden zweifellos von diesem Wandel und der Umleitung von Mitteln in nachhaltige Alternativen beeinträchtigt sein. Die Regierungen müssen die von diesem Wandel Betroffenen sozialpolitisch unterstützen. Regierungen und Behörden müssen sich auch an sich verändernde Gegebenheiten anpassen. Beispielsweise wären mit einem totalen Rückzug aus den fossilen Brennstoffen geringere Steuereinnahmen und Gebühren aus diesen Sektoren verbunden. Ein Stellenabbau in den betroffenen Sektoren und wahrscheinliche Arbeitsplatzverluste wären ebenfalls eine Folge.

In gewisser Hinsicht hat der Wandel bereits angefangen. Ungeachtet der Wirtschaftskrise, die sich seit 2008 auf die europäische Wirtschaft auswirkt, wachsen die Umweltbranchen (z. B. erneuerbare Energien, Abwasserbewirtschaftung und Recycling) in der Europäischen Union weiter. Zwischen 2000 und 2012 wuchsen die Umweltbranchen mit Blick auf den Mehrwert um mehr als 50 % und schufen mit fast 1,4 Mio. zusätzlichen Stellen insgesamt 4,3 Mio. Arbeitsplätze, während die übrige Wirtschaft in diesem Zeitraum ein relativ geringes Wachstum und stagnierende Beschäftigungszahlen aufwies. Dieser Arbeitsplatzboom in der Umweltbranche könnte ebenfalls als Teil eines sich entwickelnden und wettbewerbsfähigen Arbeitsmarkts gesehen werden, mit weniger Beschäftigten in nicht nachhaltigen Sektoren (z. B. im Kohleabbau).

Mit zunehmender Sensibilisierung ziehen sich einige Gemeinden und Unternehmen ganz bewusst aus nicht nachhaltigen Lösungen zurück und entscheiden sich dafür, Nischeninnovationen zu unterstützen. Investitionen in umweltbewusste Innovation und Forschung würden die EU nicht nur dabei unterstützen, sauberere Technologien einzuführen und eine nachhaltige Zukunft zu schaffen, sondern auch die Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit der EU stärken. Europa kann aus der weltweiten Führungsposition in der Umweltbranche Nutzen ziehen, indem es Technologien und Know-how exportiert, um den prognostizierten Anstieg der weltweiten Nachfrage nach Energie, Mobilität und Wohnraum decken zu helfen.

Es ist richtig, dass der Übergang zu einer grünen Wirtschaft eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen wird. Je früher wir aber handeln, umso geringer werden die Kosten und umso größer wird der Nutzen ausfallen.

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